Staßfurt l Der Schrei von Marco Richter ging durch Mark und Bein. Bis zum Kreis hatte sich der Staßfurter schon durchgetankt, aber der Gegenspieler Sebastian Pressel wollte Richter mit aller Macht am Torwurf hindern, griff ihm in den Arm und brachte Richter sichtbar ins Straucheln. Im Fußball wäre Marco Richter wohl einfach hingefallen und hätte völlig zu Recht einen Freistoß oder Elfmeter bekommen. Oder im Handball einen Siebenmeter. Marco Richter aber schüttelte sich eine Sekunde, lief weiter, traf zum 21:13 in der 56. Minute und ballte danach die Fäuste. Wieder schrie er, diesmal vor Freude.

Was man daraus lernt? Handballer sind hart im Nehmen. Und welche Lektion? Immer weitermachen, nie aufgeben. Verlass dich nicht auf andere (und den Pfiff). Irgendwie war der Treffer im Nachfassen symbolisch für den Auftritt der Staßfurter.

Im letzten Spiel des Jahres gelang dem HV Rot-Weiss Staßfurt II am Sonnabend im Verbandsliga-Heimspiel gegen Anhalt Bernburg II ein souveräner 21:14-Erfolg (12:8). Dabei hatten die Bodestädter aber mit allerlei Kuddelmuddel zu kämpfen. Sportlicher und zwischenmenschlicher Natur. Dicke Luft lag in der Paul-Merkewitz-Halle. Das war direkt nach dem Spiel zu erkennen. Minutenlang standen sich Mario Kutzer, Trainer der Staßfurter und Michael Maaß, Coach der Bernburger, mit hochrotem Kopf gegenüber – wild gestikulierend.

Weichen auf Sieg früh gestellt

Was war passiert? „Die Bernburger haben uns in der Halbzeit den Klister geklaut“, sagte Kutzer ein paar Minuten später. Immer noch erregt. „Der stand direkt neben der Bank. Damit wollten die Bernburger in der zweiten Halbzeit Unruhe bei uns hereinbringen. Das ist erbärmlich.“

Ob tatsächlich die Bernburger Schuld waren am Verlust des Klebemittels für Ball und Hände, ließ sich freilich nicht zweifelsfrei ergründen. Aussage stand gegen Aussage. Gut war aber: Der vermeintliche Klister-Klau hinterließ kaum Spuren. Schon zur Halbzeit hatten die Bodestädter mit 12:8 geführt, auf der Kippe stand der Sieg nie.

Die Weichen für den Heim-erfolg wurden schon am Anfang gelegt. Nach acht Minuten führte Staßfurt 6:0, was an beiden Teams lag. Die Bernburger leisteten sich viele Passfehler und technische Fehler; die Staßfurter bestraften das mit Kontertoren durch Christian Kunze (1:0, 2.), Paul Hoffmann (3:0, 3.) oder Steve Ilgenstein (5:0, 6.).

Schon da war aber erkennbar, dass sich Staßfurt unheimlich schwer tat im Positionsangriff. Und weil der Gastgeber nach guter Anfangsphase selbst nicht mehr in das schnelle Spiel hereinkam, dümpelte selbiges spätestens ab der zehnten Minute auf sehr bescheidenem Niveau vor sich hin. Bernburg konnte nicht, Staßfurt wollte nicht. Wenige Treffer und kaum ansehnliche Spielzüge waren die Folge. „Wir haben zu wenig in die Deckung gearbeitet“, befand Kutzer. „Das ist schon seit Wochen unser Problem. Dabei wäre es so einfach gewesen. Bernburg hat Kauderwelsch gespielt, das war kein kombiniertes Handball-Spiel. Dadurch kam auch kein Spielfluss zustande.“ So schleppte sich die Partie trotz ständiger Führung für Staßfurt träge über die Zeit. Bis zum 15:11 (45.). Da rief Kutzer zur Auszeit. „Da musste ich lauter werden als sonst“, sagte er.

Das war ein Weckruf. Spielerische Elemente zogen nun ein. Kluger Pass von Ilgenstein auf Tino Korin am Kreis: 16:11 (46.), kluger Pass von Ilgenstein auf Mathias Loose: 17:11 (47.), langer Ball von Ilgenstein auf Richter: 18:11 (48.). Mit Bewegung hatte Rot-Weiss den Bernburgern in nur drei Minuten den Schneid abgekauft. Das Spiel war entschieden.

Selbstkritik bei Trainer Kutzer

So konnte Kutzer in der 58. Minute einmal komplett durchrotieren, nachdem davor der einzige Tausch der Angriff-/Deckungswechsel zwischen Korin und Richter war. Alle anderen spielten durch. Warum Kutzer nicht früher gewechselt hat? „Ich war da selbst unsicher“, gab er zu. „Wir haben lange gebraucht, um hereinzufinden.“ Da wollte der Coach nicht noch mehr Unruhe hereinbringen. „Vielleicht hätte ich zum Beispiel Martin Dittmar eher bringen können.“

Ist ja gut gegangen. So beenden die Staßfurter das Jahr auf Rang sieben. „Wir haben uns gut durchgemogelt“, sagte Kutzer und lachte dabei. Was auch hieß: Es gibt noch große Reserven. Die Partie am Sonnabend war eine Blaupause. Trotzdem konnten die Bodestädter mit einem guten Gefühl ihre Weihnachtsfeier am Sonnabend abhalten. Die war trotz schwankender Leistungen verdient.

Staßfurt II: Sieland, Jesse - Rösler, Linke, Kunkel, Korin (6/2), Richter (2), Kunze (2), Dittmar, Loose (4), Bönecke, Hoffmann (2), Engelhardt (3), Ilgenstein (2)

Siebenmeter: Staßfurt II 3/3 - Bernburg II 6/4 Zeitstrafen: Staßfurt II 5 - Bernburg II