Staßfurt l Die Zuschauer waren immer noch da, klatschen, lächelten und die „Helden“ vom HV Rot-Weiss Staßfurt aus der Mitteldeutschen Oberliga standen am Sonnabend auch eine Viertelstunde nach dem Ende der Partie am sehr späten Abend noch immer in der Mitte der Paul-Merkewitz-Halle und wurden nun wie schon vor dem Spiel noch einmal einzeln vorgestellt und verabschiedet. Sicher waren da schon ein paar Tränen im Knopfloch. Gänsehaut gab es bei allen Beteiligten allemal.

Es war ein würdevoller Abschied, den der Verein seinen Staßfurter Handballern bereitete. Das letzte Spiel in der Paul-Merkewitz-Halle war zugleich das letzte in der Oberliga. Nach acht Jahren muss das Gründungsmitglied der Liga bekanntlich runter in die Sachsen-Anhalt-Liga. Und so ist es völlig verständlich, wenn Routinier Oliver Jacobi nach dem Spiel sagte: „Das war ein großes Gefühlsbad. Da waren am Anfang sehr viele Emotionen.“ Irgendwie dauerte alles länger als sonst. Das Einlaufen der Spieler, die Vorstellung vor dem Spiel, das Einschwören von Trainer Sven Liesegang auf das Team. Als wollten alle Beteiligten den Moment so lange wie möglich genießen. Weil jeder wusste: Jeder Schritt, jedes Tor, jeder Jubel könnte der letzte sein. Es lag eine melancholische Stimmung in der Halle.

Doch im Spiel war die Stimmung so gut wie lange nicht. Ein letztes Mal waren die Ränge gut gefüllt und sie sahen eine erneut aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft. Die sich am Ende mit einem 19:19 (11:10) vom HC Elbflorenz II trennte. Immerhin: Nicht verloren. „Es ist ein Teilerfolg. Aber wir haben wieder nicht gewonnen“, sagte Tobias Ortmann. „Wieviel wir wieder verworfen haben, ist nicht in Worte zu fassen. Das geht schon die komplette Saison so.“ So herrschte nach der Partie irgendwie doppelte Traurigkeit. Neben dem Abschied war auch der Frust über den vergebenen Sieg groß. „Ich bin froh, dass wir nicht verloren haben. Aber wir haben zu viele Chancen liegengelassen. Vielleicht war da auch zu viel Nervosität im Spiel“, analysierte Jacobi.

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Freie Chancen vergeben

Bezeichnend waren vor allem die 18 Minuten nach dem Seitenwechsel. In denen warfen die Staßfurter mickrige drei Törchen, eines davon fiel durch einen Siebenmeter von Andreas Steinbrink (41.). Wenn es eine Erklärung brauchte, warum Staßfurt die Saison als Tabellenletzter abschließen wird, dann konnte man diese in dieser Phase finden. So vergaben Jacobi, Marian Spadt, Kevin Engelhardt und Toni Fanselow im Minuten-Takt selbst allergrößte freie Möglichkeiten. Wer nur 19 Tore in der eigenen Halle wirft, hat den Sieg nicht verdient, so könnte man argumentieren.

Dabei hatte es der HV Rot-Weiss in vielen Phasen gut gelöst. Vor allem in der Defensive. Die 6:0-Abwehr stand stabil. Und die Positionsangriffe liefen zu Beginn gut. Teilweise wurde es sogar spetakulär nach schnellen Spielzügen. So traf Fanselow in der 7. Minute nach einem Konter die Latte, Jacobi setzte nach, fing den Ball im Sprung und traf (2:2). Ähnlich das 3:3 (9.). Wieder traf Jacobi im Nachfassen, nachdem Sebastian Retting gescheitert war.

Und so führten die Bodestädter 9:7 (21.), 10:8 (24.) und 12:10 (32.). Dann kam die schlimme Phase nach der Pause. Staßfurt hatte da auch immer größere Probleme mit der Defensive des Gegners. „Die 4:2-Abwehr hat Spielern wie mir und Nils Hähnel nicht gelegen“, gab Retting nach dem Spiel zu. „Mit einem 6:0 wären wir wohl besser klar gekommen.“ So lag Rot-Weiss in der 48. Minute 14:17 hinten.

Doch dann zeigten die Gastgeber Moral. Erneut. „Wir haben nicht aufgeben, so wie in der ganzen Saison“, sagte Retting. Ausgerechnet der A-Jugendliche Niklas Zimnick zimmerte wenige Sekunden nach seiner erstmaligen Einwechslung den Ball zum 17:18-Anschluss ins Tor (57.). Kurz danach lag Staßfurt nach einem Treffer von Spadt erstmals seit der 37. Minute vorn (19:18, 58.). Und doch reichte es nicht zum ersten Erfolg seit dem 27. Januar. „Das waren zu viele Fehler. Der Ärger ist groß. Ich kann das grad gar nicht begreifen, dass es das letzte Spiel in der Merkewitz-Halle war“, so Retting.

Aber er schaute nach vorn. „Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf.“ Damit meinte der Kapitän die neue Halle in Staßfurt Nord. Und Jacobi sagte zum Abschied: „Es war ein geiles Feeling. So etwas wird es nie wieder geben. Trotz des schönen Wetters haben uns so viele Leute gepusht. Das hat man gemerkt. Jetzt werden wir einen Neuanfang starten.“

Vorher ging es aber nochmal rund. „Feiertechnisch sind wir immer noch in der Champions League. Wir werden die Nacht zum Tage machen“, versprach Ortmann am Samstagabend. „Und auch am 26. Mai werden wir es noch einmal krachen lassen.“ Dann öffnet unter dem Motto „Goodbye Paul-Merkewitz-Halle“ die Halle zum letzten Mal die Türen. Dann wird die legendäre Halle endgültig verabschiedet. Trotzdem fühlte sich schon der Sonnabend wie ein Abschied an. „Time to say goodbye“, sagte Präsident Patrick Schliwa. „Die Halle hat viele geprägt, aus vielen anständige Kerle gemacht. Das war einmalig, was hier abgegangen ist.“ Und wer ganz genau hinsah, erkannte, dass auch der Vereinschef da mindestens feuchte Augen hatte.

Staßfurt: Tuchen, Schliwa – Fanselow (2), Zimnick (1), Ortmann (1), Engelhardt, Retting (3/2), Jacobi (4), Steinbrink (1/1), Frank (2), Spadt (1), Schöne, Hähnel (4)

Siebenmeter: Staßfurt 3/3 – Elbflorenz 7/7; Zeitstrafen: Staßfurt 5 – Elbflorenz 2

Rot (o.B.): Marc Welz (Elbflorenz, 49.)