Ohne Frage ging also im Sommer beim SV Eintracht Gommern eine Ära zu Ende, als sich zwei der prägendsten Gesichter der Abteilung Fußball in den Ruhestand verabschiedeten. Sportredakteur Björn Richter traf die beiden Urgesteine zu einer letzten Runde über den Platz im Sportforum.

 

Herr Woche, Herr Ladwig, stellt Loslassen ein Problem für Sie dar?

Volker Woche: Ich bin seit 48 Jahren Fußballfunktionär, auf der anderen Seite aber auch seit 35 Jahren verheiratet und habe seit einiger Zeit am Plattensee einen wunderschönen Bungalow. Jetzt möchte ich an den Wochenenden eben auch mal dafür da sein. Als Abteilungsleiter, Übungsleiter und Sportwart im Gesamtverein war ich eigentlich jeden Dienstag, Donnerstag und an den Wochenenden für den SV Eintracht im Einsatz. Gott sei Dank hat meine Frau immer viel Rücksicht genommen.

Klaus Ladwig: Wenn man wie ich seit 1979 mit dabei ist, kommen viele, viele Stunden zusammen, die man für das Ehrenamt einsetzt und die man gar nicht zählen kann. Und natürlich fällt es dadurch ein bisschen schwerer, Abstand zu gewinnen. Aber zwischen uns und der heutigen Zeit liegen Generationen und damit auch eine ganze Reihe von Problemen, die sich daraus ergeben. Die Mehrzahl der Abteilung Fußball machen Jugendliche aus und auch in der Herrenmannschaft bewegen wir uns unter 18- bis 35-Jährigen. Ihnen muss man einfach auch die Chance einräumen, ihre Probleme selbst zu lösen. Worauf dabei alles immer wieder zurückläuft, ist natürlich das Jahr 2014.

Woche: Seinerzeit haben 42 Spieler den Verein verlassen.

Ladwig: Dieser Aderlass, der damals stattgefunden hat, war natürlich sehr schmerzlich. Damit sind seinerzeit mehr oder weniger die zweite Mannschaft, die Alten Herren und die A-Jugend weggebrochen und wir haben bis heute auch keine optimale Einbindung der Orte aus der Einheitsgemeinde. Wenn wir wirklich mal die Voraussetzungen besitzen, um wieder in die Landesliga zu gelangen, fehlen uns immer wieder einzelne Kettenglieder. Diese Probleme möchte ich nicht zusammen mit Volker versuchen zu lösen, wenn wir nachher 80 oder 85 sind.

Vielerorts heißt es, dass sich nachfolgende Generationen zu wenig im Ehrenamt engagieren. Eine Einschätzung, die Sie teilen?

Woche: Ich denke, die Lust dazu ist bei vielen vorhanden. Aber die wissen natürlich, dass daran auch unzählige Wochenenden, an denen man da sein muss, hängen. Wenn wir die neue Abteilungsleitung betrachten, freut es mich natürlich, dass mit Kevin Schulz und Timo Wacker zwei junge Gesichter darin vertreten sind. Aber wir hätten uns erhofft, dass vielleicht auch der eine oder andere Übungsleiter mit an Bord kommt.

Ladwig: Wir haben auch das Angebot unterbreitet, nicht von heute auf morgen Schluss zu machen, sondern uns für eine Phase der Einarbeitung zur Verfügung zu stellen, wenn eben die Bereitschaft beim einen oder anderen doch etwas höher gelegen hätte. Aber das ist ein grundsätzliches Problem der heutigen Gesellschaft.

Haben Sie sich selbst in all der Zeit nie gefragt: Wofür mache ich das eigentlich?

Ladwig: Für uns war es immer die Liebe zum Sport selbst. Wenn ich an die ersten Schritte denke, die ich überhaupt im Fußball gemacht habe, war das an der Seite von Volker als Schiedsrichterassistent, wodurch wir nach und nach ein sehr enges Verhältnis zueinander aufgebaut haben. Und die Vertrauensbasis ist bei dieser Zusammenarbeit sehr wichtig. Wir konnten uns in vielen Situationen aufeinander verlassen, ohne vorher groß miteinander gesprochen zu haben. Auf der anderen Seite fand ich es auch gut, dass wir immer einen kurzen Draht zueinander hatten und uns verständigen konnten.

„Natürlich tut es ein bisschen weh, dass wir in Gommern nicht das Potenzial ausschöpfen, das in uns steckt.“

Klaus Ladwig

Woche: Ich wurde so erzogen, meinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Dinge wie WhatsApp waren nie etwas für mich. Uli Hoeneß hat mir im vorigen Jahr auf dem Jahresabschluss beim FC Bayern daher aus dem Herzen gesprochen, als er sagte, dass er bis zum heutigen Tag nie eine E-Mail geschrieben hat. So war das bei mir auch und ich bin froh, dass Klaus eben der Medienmann von uns beiden war.

Ladwig: Natürlich haben wir auch erkannt, dass es in der heutigen Zeit nicht mehr ohne moderne Kommunikationsformen geht. Wenn ich mich daran erinnere, wie wir 1997 im FSA mit dem DFBnet angefangen haben. Da waren wir im damaligen KFV Genthin auf einer Veranstaltung, um allen die Zukunft und den Umgang mit den neuen Medien vorzustellen. Da hat man mich als großen Fantasten und Spinner hingestellt. Dennoch haben wir es geschafft, nach und nach den elektronischen Spielbericht einzuführen. Wenn man heute sieht, was das für ein Schritt war, was für eine Revolution, den Spielbetrieb papierlos abzuwickeln, war das ein beispielloser Weg. Diese zeitnahe Übermittlung der Information kann man nur erreichen, indem man die Leitungen verjüngt und jene mit ins Boot holt, die den Umgang damit gewohnt sind.

Die Liebe zum Fußball hilft also über jeden Rückschlag hinweg?

Ladwig: Da müssen wir differenzieren. Sportliche Enttäuschungen wie den Landesliga-Abstieg 2009 verkraftet man ohne Weiteres. Es war seinerzeit auch genügend Substanz vorhanden.

Woche: Wir sind in den beiden Folgejahren hinter Irxleben und Fortuna Magdeburg nicht grundlos Zweiter in der Landesklasse geworden, waren also nah dran am Wiederaufstieg.

Ladwig: Im Gegensatz dazu steht aber der tiefe Cut im Jahr 2014, als wir von der alten Leitung die Unterlegenen waren. Die Einbußen, die daraus entstanden, waren einfach ein zu harter tatsächlicher Rückschlag. Und den verkraftet man nicht einfach so. Die besten Spieler waren plötzlich weg, auch wenn nach und nach der eine oder andere zurückgekehrt ist und der Mannschaft wieder weiterhelfen kann. Manch einer von ihnen hat aber seinen Zenit bereits überschritten.

Woche: Auch die Entwicklung im Jugendbereich stimmt mich nachdenklich. Es gab bis 2014 im Gommern durchgängig drei bis vier Nachwuchsmannschaften, die auf Landesebene unterwegs waren. Aktuell hätten wir für die C- und B-Junioren die Möglichkeit, in der Landesliga anzutreten, aber das entscheiden eben heutzutage die Eltern, die sich in diesem Fall gegen die Fahrerei ausgesprochen haben. Für die fußballerische Entwicklung der Jugendlichen ist das sicher nicht das Optimale.

Auch das Schiedsrichterwesen, dem sie beide über lange Jahre anhingen, plagen Nachwuchssorgen. Was können Sie jungen Referees mit auf den Weg geben?

Ladwig: Wenn ich als Beobachter im Einsatz war, ging es nie darum, sich selbst zu profilieren und dem Schiedsrichter seine Fehler im Spiel vorzuhalten. Ich habe immer versucht, aufzuzeigen, wie man welche Situation besser lösen oder einen besseren Einblick bekommen kann. Ziel muss es sein, immer größtmögliche Tatortnähe zu erreichen. Selbst wenn der Schiedsrichter dann eine Fehleinschätzung trifft, ist er überzeugender und kann notfalls eine Entscheidung auch mal verkaufen. Aber wenn ich stets 50, 60 Meter Abstand zum Geschehen habe, können neun von zehn Entscheidungen richtig sein, am Ende dreht sich doch alles um die eine falsche.

Fehlen Anreize, um junge Leute für das Amt an der Pfeife zu begeistern?

Ladwig: Es geht dabei nicht so sehr um das Geld, sondern um Unterstützung im Verein und Anerkennung. Sicher wird hier in Gommern wie überall aus der Momentsituation heraus auch mal ein Schiedsrichter von den Spielern angepöbelt, aber mein Eindruck ist, dass sie sich hier immer wohl gefühlt haben. Eben weil sich im Rahmen der Spiele um sie gekümmert wird und sie nicht wie das fünfte Rad am Wagen behandelt werden. Wir haben Unparteiische, die seit zehn Jahren zu den Hallenturnieren kommen, weil sie sich gut aufgehoben fühlen. So eine Atmosphäre sollte eigentlich überall geschaffen werden.

Ist die Entscheidung, Schiedsrichter zu werden, aus Ihrer Sicht ein bewusster Entschluss?

Woche: Ich selbst war nie ein überragender Fußballer. Als dann 1972 ein Lehrgang stattfand, habe ich mitgemacht. Nach einem Jahr auf Kreisebene und einer Handvoll erteilter Platzverweise hatte ich den Spitznamen ‚roter Volker‘ inne und wurde nach oben hin auf Bezirksebene weggelobt (lacht).

Ladwig: Die Motivation ist recht unterschiedlich. Manch einer wird sagen: Vielleicht kann ich das besser machen als andere. Junge Leute wollen sich vielleicht auch ihr Taschengeld aufbessern. Ich akzeptiere und respektiere da jedes Argument, sich für das Schiedsrichterwesen zu entscheiden. Wichtig ist nur, dass jemand, der einmal angefangen hat auch versucht, dabei zu bleiben. Denn ich betrachte das, was ich als Schiedsrichter erlebe, nicht als verlorene Zeit, es dient auch der Stärkung des Selbstwertgefühls. Wenn man gelernt hat, sich vor einer großen Gruppe zu beweisen, vielleicht dabei auch in höheren Spielklassen unterwegs war, hilft einem das auch im alltäglichen Leben weiter.

Sie, Herr Woche, sind anschließend ins Trainerwesen ‚abgeglitten‘, haben erfolgreiche Spieler wie Florian Eggert, Maik Hoffmann oder Andreas Lücke hervorgebracht und ihnen ein Sprungbrett für höhere Aufgaben ermöglicht. Was war Ihre Motivation?

Woche: Entscheidend war zum einen, dass ich als 15-Jähriger unter Werner Schütze schon einmal hereingeschnuppert habe. Dann kam der Jahrgang 1984/85, dem unter anderem auch mein Sohn Sebastian angehört. Diese Mannschaft habe ich fast 14 Jahre lang betreut.

Erfolg wird heutzutage im Fußball häufiger erkauft als erarbeitet. Bereitet Ihnen diese Entwicklung Sorge?

Woche: Absolut und es macht auf Dauer unseren Fußball kaputt. Man muss nur nach Magdeburg schauen, wie viele Vereine dort schon das Handtuch geworfen haben. Und es greift immer mehr auf den kreislichen Maßstab über.

Ladwig: Wir haben es vor der Haustür am Beispiel des VfL Gehrden gesehen. Ein typischer Verein, wo überhaupt keine Gelder gezahlt werden und für den es nach dem Aufstieg in die Landesklasse unmöglich war, sich dort zu etablieren. Dazu kommt: Sobald es im Umkreis einen Verein gibt, der Aufwandsentschädigungen oder Fahrgeld zahlt, wird es ganz schwer, einen Kooperationsverband mit anderen zu bilden. Etwas, das wir in der Verganenheit gern angeschoben hätten, aber es ging nie über Spielgemeinschaften im Nachwuchs hinaus. So ein Unterbau ist aber nötig, um erfolgreich im Landesmaßstab zu spielen. Wenn die Kette nicht geschlossen ist, gibt es Probleme.

Fällt Ihr Blick auf die gesamte Laufbahn getrübt aus?

Ladwig: Es ist schwieriger zu verlieren, als zu gewinnen. Und als Sportler ist man es gewohnt, aus Niederlagen zu lernen. Natürlich tut es ein bisschen weh, dass wir in Gommern nicht das volle Potenzial ausschöpfen, das in uns steckt.

Woche: Die 48 Jahre, in denen ich ehrenamtlich tätig war, sind von Höhen und Tiefen geprägt. In der Summe war es aber eine schöne Zeit.

Wenn Ihre Nachfolger um Rat bitten, lassen Sie das Telefon klingeln oder heben Sie den Hörer ab?

Woche: Ich habe Frank Lindner versprochen, dass er sich jederzeit melden kann.

Ladwig: Das gilt für uns beide. Unser Verzicht auf eine erneute Kandidatur in der Abteilungsleitung sollte nicht bedeuten, dass wir aus der Welt sind. Sobald man uns fragt, stehen wir Gewehr bei Fuß, nur aufdrängen werden wir uns nicht.