Mit dem Pokalspiel am heutigen Mittwoch beim HT Norderstedt (19 Uhr) beginnt für den SC Magdeburg die Handball-Saison 2013/14. Sportredakteurin Janette Beck sprach mit Trainer Frank Carstens über die Vorbereitung, Ziele und Perspektiven des Teams, das um zwei neue Spielmacher formiert wurde.

Volksstimme: Mit Platz vier beim Klaus-Miesner-Turnier endete für Ihr Team die sechswöchige Vorbereitung, die mit guten Ansätzen und zwei Turniersiegen vielversprechend begann. Zum Ende hin wurde das positive Gesamtbild durch die Niederlagen gegen Wisla Plock, Melsungen und Hannover ein wenig getrübt. Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse?

Frank Carstens: Vorbereitung ist Vorbereitung, da haben die Ergebnisse keine entscheidende Aussagekraft, wohl aber die Leistungen. Und was diese betrifft, geht die Vorbereitung insgesamt in Ordnung. Wir haben die Aufgaben, die die verschiedenen Gegner an uns gestellt haben, weitestgehend erfüllt. Wir wollten die beiden neuen Spielmacher integrieren und uns zwei verschiedene Deckungssysteme erarbeiten. Beide, die 5-1- und die 6-0-Abwehr, wurden in den meisten Spielen auch praktiziert, dabei konnten wir viele wichtige Erkenntnisse gewinnen.

Volksstimme: Die da wären?

Carstens: Dass die Systeme zum Teil schon sehr gut funktionieren, ein paar überraschende Aktionen dabei sind, wir mit mehr Durchschlagskraft agieren und der Ball über weite Strecken gut läuft. Aber es war in den letzten Spielen eben auch zu sehen, dass in Stresssituationen einiges doch noch nicht so fest sitzt. Mal sind es fehlende Absprachen in der Abwehr, ein andermal fehlte die Konzentration beim finalen Pass oder beim Torwurf. Aber das Ganze ist eben auch der Sache geschuldet, dass zwei neue Spielmacher im Team stehen. Der Prozess der Integration wird auch noch länger andauern.

Volksstimme: Konnten die beiden Neuen in der Schaltzentrale bisher halten, was Sie sich von ihnen versprochen haben?

Carstens: Eine Antwort darauf wäre verfrüht, denn wir haben ja noch gar nicht richtig angefangen. Erst in kritischen Phasen wird sich zeigen, was Michael Haaß und Marko Bezjak für Antworten finden. Denn, zu wissen, was zu tun ist, ist das eine. Das andere ist, dies unter Stress auch zuverlässig umzusetzen. Ich bin aber zuversichtlich, dass die beiden ihrer Aufgabe gewachsen sind.

Volksstimme: Es beunruhigt Sie demnach nicht, dass noch Sand im Getriebe ist?

Carstens: Dass noch nicht alles zu 100 Prozent sitzt, ist zu diesem Zeitpunkt nichts Ungewöhnliches. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Oder anders gesagt: Das Buch, das Stian Tönnesen als Spielgestalter des SCM in sechs Jahren geschrieben hat, muss erst neu geschrieben werden. Das braucht Zeit. Was ich sagen kann, ist, dass beide Neuen tolle und interessante Sachen mit eingebracht haben. Einige gute Ansätze sind bereits zu sehen, zum Beispiel, was die Anspiele an den Kreis anbelangt. Da wird Bartosz Jurecki jetzt besser in Szene gesetzt. Ein Indiz dafür ist nicht nur die Zahl der Tore, sondern die steigende Zahl der gegebenen Siebenmeter. Das war ein Manko in der vergangenen Saison. Aber auch die Rückraumspieler bekommen mehr und mehr Vertrauen in die Anspielfähigkeiten von Michael und Marko.

"Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut"

Volksstimme: Es ist immer wieder davon die Rede, dass das Angriffsspiel des SCM einfacher geworden ist. Macht es dies nicht auch dem Gegner leichter, sich darauf einzustellen?

Carstens: Ja, aber irgendwo müssen wir anfangen. Wir können das Pferd nicht von hinten aufzäumen, dürfen das Ganze nicht überfachten oder jemanden das alte System überstülpen wollen. Das funktioniert nicht. Es gilt vielmehr, Grundlagen zu legen und diese in den nächsten zwei, drei Jahren Schritt für Schritt zu stabilisieren und auszubauen. Und ein einfaches Spiel muss nicht unbedingt schlecht sein, wenn man einen Spieler wie Marko Bezjak hat, der über ein hervorragendes Entscheidungsverhalten verfügt. Er weiß, wann er durchbrechen oder den Pass spielen muss und reagiert spontan. Sich darauf einzustellen, ist keinesfalls einfach.

Volksstimme: Sind angesichts von 16 Spielen in der Vorbereitung Konditions- und Athletik-Training nicht ein wenig zu kurz gekommen?

Carstens: Das will ich gar nicht abstreiten, aber man hat eben nun mal nur 100 Prozent Zeit zur Verfügung. Und die gilt es sich richtig einzuteilen. Wenn man also wie wir die Vorbereitung unter die Überschrift "Integration der Spielmacher" stellt, bedeutet diese Entscheidung in der Konsequenz, dass wir an anderen Stellen auch Abstriche machen müssen. Ich denke, wir haben einen vernünftigen Kompromiss gefunden und haben uns in den letzten Jahren auch ein ordentliches konditionelles Niveau erarbeitet, darauf bauen wir jetzt auf.

Volksstimme: Trotz der hohen wettkampfnahen Belastung hielten sich die Verletzungen in Grenzen – da hat der SCM schon ganz andere Sachen erlebt.

Carstens: Das stimmt, was größere Verletzungen anbelangt, sind wir diesmal wirklich glimpflich davongekommen. Nach dem Sparkassencup hatte ich mir doch ein paar mehr Sorgen gemacht, weil sich die muskulären Probleme gehäuft hatten. Aber dank unserer medizinischen Abteilung haben wir das alles gut in den Griff bekommen. Glücklicherweise entspannte sich auch bei Jure Natek die Situation mit seiner Schulter recht schnell wieder. So war es nicht nötig, noch kurzfristig Ersatz nachzuholen. Das hätte uns sicher ein Stück weit zurückgeworfen.

"Wir sind auf allen Positionen gleichstark besetzt"

Volksstimme: Wie sehr hat es geschmerzt, dass mit Kjell Landsberg ausgerechnet der Abwehrchef die gesamte Vorbereitung über gefehlt hat?

Carstens: Wir haben versucht, den Ausfall durch Youngster Tim Ackermann abzufedern. Er wird auch erst einmal im Kader bleiben, weil es keine Prognosen gibt, wann Kjell wieder ins Mannschaftstraining einsteigen kann. In der Abwehr fangen wir den Verlust einigermaßen auf, weil Michael Haaß als Innenverteidiger zur Verfügung steht. Unabhängig davon, dass ein Landsberg für eine kompakte 6-0-Abwehr jederzeit eine Verstärkung darstellt, fehlen natürlich auch hier noch einige Automatismen. Was den Angriff anbelangt, mache ich mir schon eher Sorgen. Denn hier hat Bartosz die Hauptlast zu tragen. Auf Dauer 60 Minuten durchzuspielen, das wird natürlich schwer. Aber wie gesagt, steht erst einmal Ackermann als Entlastung bereit.

Volksstimme: Der Kreis scheint aus jetziger Sicht die einzige größere Baustelle zu sein, ansonsten wirkt der Kader auf allen anderen Positionen ausgeglichen und homogen. Teilen Sie diese Ansicht?

Carstens: Ich sehe uns sehr gut aufgestellt für die Saison, denn wir sind auf allen Positionen gleichstark besetzt. Vor allem auch, was die Außen anbelangt. Tim Hornke und Matthias Musche haben in ihrer Entwicklung erneut große Schritte nach vorn gemacht, so dass der Druck auf die Etablierten, Robert Weber und Yves Grafenhorst, wächst. Sportlich und charakterlich sind beide, das habe ich mehrfach betont, absolute Verstärkungen.

Volksstimme: In der Vorbereitung sind auch die Youngsters Maximilian Janke, Bert Hartfiel, Lennart Carstens oder Thomas Gebala dann und wann in den Kader aufgerückt und wussten durchaus zu überzeugen. Wo sehen Sie da das größte Potenzial für die Zukunft?

Carstens: Generell möchte ich sagen, dass alle einen guten Job bei uns gemacht haben. Auch in der zweiten Mannschaft, die unter Dirk Pauling inhaltlich die gleichen Themen beackert wie wir, ist viel Bewegung. Auch hier findet ein Umbau und eine stetige Weiterentwicklung der individuellen Fähigkeiten statt. Ich sehe da viel Potenzial, vor allem aber bei Max Janke, der als Mittelmann der Youngsters immer mehr in die Rolle des Führungsspielers hineinwächst. Das ist eine Grundvoraussetzung, um in die Bundesliga zu kommen. Für sich spricht auch, dass ich meiner Mannschaft Szenen aus dem Spiel beim Sparkassencup, als Janke und Carstens gegen den HSC Coburg in der Abwehr standen, als Paradebeispiel hinterher gezeigt habe. Denn wie engagiert die beiden da das Zentrum dichtgemacht haben, das war schon lehrbuchreif.

Volksstimme: Wie lernfähig zeigt sich der SCM, was das Saisonziel anbelangt, nachdem sich der ambitionierte fünfte Platz im Vorjahr als großer Hemmschuh erwiesen hatte?

Carstens: Wir gehen die neue Saison zumindest wesentlich demütiger an als die vergangene. Der fünfte Platz war zwar ehrgeizig, aber doch eher visionär als realistisch. Damit sind wir buchstäblich übers Ziel hinausgeschossen. Allein aus diesen Erfahrungen heraus ist es besser, kein konkretes Ziel zu formulieren. Zumal das Thema Integration der Spielmacher nicht abgeschlossen ist und wir auch schauen müssen, was die Konkurrenz macht. Wir sind also gut beraten, uns erst einmal darauf zu konzentrieren, dass wir gut in die Saison kommen und unsere Leistung stabilisieren. Nichtsdestotrotz steht aber die grobe Richtung fest: Wir wollen auf jeden Fall besser sein als letzte Saison.

"Ich traue Flensburg die Meisterschaft zu"

Volksstimme: Wer ist Ihr Meisterschaftsfavorit und wie beurteilen Sie den Kampf dahinter um die Europapokalplätze?

Carstens: Oben tummeln sich die üblichen Verdächtigen: Flensburg, Kiel, die Rhein-Neckar Löwen und Hamburg, wobei ich diesmal eher Flensburg den Titel zutraue. Hamburg ist mit seinen vielen Neuzugängen eine Wundertüte. Und bei den Löwen muss man sehen, wie sie den Ausfall von Alexander Petersson verkraften. In Ilsenburg haben sie einen sehr starken Eindruck gemacht. Für Rang fünf habe ich die Füchse Berlin auf der Rechnung. Dann kommen Melsungen, Wetzlar, Göppingen, nicht zu vergessen Hannover, und wir natürlich, die sich um den 6. Platz streiten. Ob der letztlich für den Europacup berechtigt, muss man auch erst noch abwarten. Kurzum: Es gibt etliche Unbekannte, um überhaupt einen EC-Platz zu erreichen. Umso wichtiger wird es für uns sein, schnell ins Spiel zu kommen und unseren Rhythmus zu finden.

Volksstimme: Da kommt der Aufgalopp mit dem Pokalspiel in Norderstedt vielleicht doch gar nicht so ungelegen, oder hadern Sie noch immer damit, bereits in der 1. Runde ranzumüssen?

Carstens: Ganz ehrlich? Ich frage mich immer noch, was das vier Tage vor dem schweren Liga-Auftakt in Göppingen soll. Norderstedt, hin und zurück, dann nach Göppingen – die Reisestrapazen und der Stress sind einfach nicht wegzudiskutieren. Und natürlich hat das auch Einfluss auf die Trainingsgestaltung. Aufgrund der zusätzlichen Belastung wäre ein Einstieg in die 2. Runde für uns wesentlich optimaler gewesen. Aber es ist, wie es ist. Wir stellen uns der Aufgabe. Wer ins Final four nach Hamburg will, und das ist und bleibt eines unserer Wunschziele, muss jederzeit jeden schlagen und braucht dazu immer auch noch ein kleines Heldenstück.

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