Die Volksstimme sucht mit ihren Lesern traditionell zum Jahresende den Magdeburger des Jahres. Bis zum 31. Dezember läuft die 19. Auflage der Aktion, die engagierte Magdeburger in den Mittelpunkt rückt. Einer von ihnen ist Norbert Pohlmann, der vor fünf Jahren das Forum Gestaltung gründete.

Altstadt. Norbert Pohlmann liebt die Herausforderung. Möglichkeiten zu entdecken und etwas daraus zu machen. So war es auch, als er 2004 das erste Mal den Fuß in die ehemalige Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in der Brandenburger Straße 9-10 setzte. Die vormals für die Fachhochschule sanierten Räume standen nach deren Umzug auf den neuen Campus im Herrenkrug leer. " Es gab eigentlich nur einigen Schmutz auszufegen, sonst nichts ", erinnert sich Pohlmann. Und es gab wieder etwas mit Leben zu füllen. Norbert Pohlmann, studierter Historiker und Kulturproduzent, hatte sich in Vorbereitung des Stadtjubiläums 2005 intensiv mit dem Schicksal der früheren Kunstgewerbe- und Handwerkerschule beschäftigt. Die Schließung der traditionsreichen Ausbildungsstätte 1963 " in bilderstürmerischer Manier " durch die Politoberen – für Pohlmann ein Frevel schlechthin. Ein Vorgang, der nicht länger aus dem stadtgeschichtlichen Bewusstsein getilgt werden durfte.

Lust auf Zukunft

Zwischen 1793 und 1963 waren an der Schule Bildhauer, Bühnenbildner, Fotografen, Modedesigner und Kunstschmiede ausgebildet worden. Namhafte Lehrer hatten ihre Handschrift hinterlassen : der Architekt Albinmüller etwa oder der Magdeburger Maler Wilhelm Paulke.

Letzterer war es auch, der vor der Schließung 1963 wichtige Gegenstände in sein Atelier in die Freiligrathstraße brachte. " Dieses Thema wollten wir zum Stadtjubiläum aufgreifen ", sagt Norbert Pohlmann. Gemeinsam mit anderen Kunstinteressierten startete er Ende 2004 die Aktion " Rückführung ", in der die einst geretteten Artefakte zurückgebracht wurden in die alte Handwerkerschule. Und aus der Geschichte wurde ein Kunstprojekt.

2005, im Jahr des 1200. Stadtgeburtstages, erinnerten die Initiatoren u. a. mit einer 12-teiligen Theaterserie oder mit der Ausstellung von Arbeiten früherer Schüler und Lehrer an die lange Tradition der Bildungseinrichtung. Norbert Pohlmann gründete zudem die " Töchter Magdeburgs ", die auch heute noch die Geschichte Magdeburgs singen.

" Wir sollten Geschichte nicht als einen Friedhof der Ereignisse wahrnehmen, sondern uns damit produktiv und kreativ beschäftigen ", sagt der 52-Jährige und sieht genau das als Verpflichtung : an Vergessenes und Verdrängtes zu erinnern. Und er tut dies mit spürbarer Leidenschaft. Schon während seiner Zeit an den Kammerspielen, vor allem bei den beliebten Sommer-Open-Airs an historischen Plätzen, war er oft erstaunt, " wie sehr sich die Menschen begeistern lassen ".

Das spornt ihn an – damals wie heute, neue Kunstprojekte aus der Taufe zu heben. 2005 waren es viele Veranstaltungen, mit denen vor allem auch an die Geschichte der Handwerkerschule erinnert wurde. So war die Ausstellung über den Textilkünstler Ferdinand Nigg aus Liechtenstein zu sehen. Nigg zählte ebenfalls zu den ganz großen Lehrern an der Magdeburger Kunstgewerbeschule ( 1903-1912 ). Dass sie die Schau nach Magdeburg holen konnten, macht Norbert Pohlmann noch heute stolz.

" Ich weiß noch, wie ich mit meinem Mitstreiter Norbert Eisold die Ausstellungsstücke mit dem Auto hergebracht habe. Da hatten wir 2, 5 Millionen Euro im Gepäck ", muss er noch heute darüber schmunzeln.

Ob Nigg-Ausstellung oder Theaterserie – das Programm " Vision 24. Lust auf Zukunft ", mit dem vor fünf Jahren unter dem alten Schuldach wieder ein neuer Kulturtreff entstand, begeisterte viele Magdeburger. Und sie wollten mehr. Die Fortführung der " Rückführung " sozusagen – ein dauerhaftes Projekt. " Für mich persönlich stellte sich die Frage, ob meine Lust dafür groß genug ist ", so Pohlmann, der 1958 in Pasewalk geboren wurde und eigentlich eines Technikstudiums wegen nach Magdeburg gekommen war.

Vielfalt ohne Beliebigkeit

Seine Lust war letztlich groß genug, zumal Pohlmann nach seinem Studium in Deutsch / Geschichte und der Lehrertätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Magdeburg längst seinen festen Platz in der Kulturlandschaft der Stadt gefunden hatte. So gründete er gemeinsam mit Prof. Ulrich Wohlgemuth, Norbert Eisold, Eva Reulecke u. a. im November 2005 den Verein Forum Gestaltung. Ein Forum, das mit 50 Ausstellungen, mit Konzerten vom Jazz bis zum Gedenken an die Zerstörungen Magdeburgs 1631 und 1945, von der Musiknacht bis zur Woche der Jüdischen Kultur eine große Vielfalt präsentiert. " Vielfalt ohne Beliebigkeit ", so formuliert es der Geschäftsführer des Vereins. Die nächsten Pläne hat er derweil schon im Kopf. Er will das Forum Gestaltung als Kulturzentrum ausbauen mit einer Ausstellungsund Kunsthalle, wo jetzt noch das Treppenhaus ist. 2013 könnte es so weit sein, hofft er.

Ein Jahr zuvor will er an ein anderes Datum erinnern : 2012, genau 85 Jahre nach der Deutschen Theaterausstellung in Magdeburg, sollen 85 Bühnenbildner in die Stadt ausschwärmen und zeigen, was Magdeburg zu bieten hat. " Und das ist ja eine ganze Menge. Man muss es nur wachkitzeln ", so Pohlmann.