Sommerspiele in Tokio

Bernd Berkhahn und Alexander Törpel: Wissen schafft Erfolg

Bernd Berkhahn sucht auch in der Wissenschaft nach den Möglichkeiten, noch mehr Leistung aus seinen Schwimmern herauszukitzeln. Dafür hat der Bundes- und SCM-Trainer mit Alexander Törpel einen wichtigen Partner an seiner Seite gefunden.

Von Daniel Hübner
Erfahrungsaustausch nach der Datensammlung: Norbert Warnatzsch (r.) und Bernd Berkhahn diskutieren die Trainingsleistungen ? auch von Doppelweltmeister Florian Wellbrock.
Erfahrungsaustausch nach der Datensammlung: Norbert Warnatzsch (r.) und Bernd Berkhahn diskutieren die Trainingsleistungen ? auch von Doppelweltmeister Florian Wellbrock. Foto: Eroll Popova

Magdeburg - Für Bernd Berkhahn hat sich ja nichts verändert. Früher hatte der Mann als Vereinstrainer Schwimmer auf Olympische Spiele vorbereitet, erstmals den Elmshorner Heiko Hell für Athen 2004. Seit dem 1. Februar 2019 ist Berkhahn nicht mehr nur der Coach der SCM-Athleten, sondern auch der Bundestrainer. Und mit der ihm typischen Gelassenheit berichtet der 50-Jährige: „Für mich ist es immer noch das gleiche Spiel. Nur habe ich jetzt ein größeres Team im Blick, ich muss eben breiter denken.“ Dann wiederum ist es auch für Berkhahn gut zu wissen, „Kollegen an meiner Seite zu haben, die mich in meiner Arbeit unterstützen und ergänzen“. Kollegen wie Alexander Törpel, promovierter Sportwissenschaftler und Diagnostik-Bundestrainer beim Deutschen Schwimm-Verband (DSV).

Man kann sich nun sicher sein, dass Törpel vor seinem ersten Treffen mit Berkhahn nie etwas über die Folkband „Beirut“ um deren Sänger Zach Condon gehört hat. Es ist auch nicht bekannt, ob Berkhahn seinen wissenschaftlichen Begleiter in die Welt seines außergewöhnlichen Musikwissens und -geschmacks jemals eingeführt hat. Törpel ist in Leipzig geboren, er ist 32 Jahre jung, bei ihm darf man den Sound vom Plattenteller des Immer-gute-Laune-Diskjockeys David Guetta vermuten.

Nein, Törpel und Berkhahn haben sich auf einer ganz anderen Ebene getroffen. Und wie selbstverständlich bei einem sportwissenschaftlichen Projekt der Guericke-Uni, das vom damaligen Studenten Törpel begleitet und von Berkhahn besucht wurde. Irgendwann vor acht Jahren. Einige Monate nach der Ankunft Berkhahns im September 2012 als Stützpunkttrainer in Magdeburg. „Wir hatten damals an der Uni Magdeburg zum Beispiel mit dem Höhenraum neue Trainingsmöglichkeiten geschaffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Verantwortung für dieses Labor und es mit aufgebaut. Neben den Themen zum Höhentraining haben wir uns darüber hinaus noch über weitere Dinge ausgetauscht: wie Diagnostik, Trainingsmethodik und -philosophie“, berichtet Törpel.

Und am Ende, zwei Jahre nach seiner Dissertation über die Auswirkungen des simulierten Höhentrainings auf junge und alte Menschen (Berkhahn würde jetzt sagen: „Hochgradig interessant“) hat Törpel die freie Stelle als Diagnostik-Bundestrainer übernommen.

Jeder steckt viel Eigenantrieb und Kreativität in seine Arbeit.

Alexander Törpel

Seit dem 1. Oktober 2019 arbeiten sie quasi vertraglich zusammen. Zwei wissbegierige, zwei neugierige Männer sitzen gemeinsam im Büro in der Elbehalle. Und werten Daten über Schwimmer aus, nicht nur über die Schwimmer des SCM, sondern über alle, die einen Bundeskaderstatus haben. Und sie diskutieren Ideen. „Wir schätzen an uns, dass jeder viel Eigenantrieb und viel Kreativität in seine Arbeit steckt“, betont Törpel.

Diese Arbeit – sie ist hochkomplex. Es geht natürlich um Wissenschaft. Es geht um Sauerstoff, um Stoffwechsel, es geht um Leistung. Es geht um bis zu 160 Parameter, die in einer Saison analysiert werden. Nicht weniger. Unter anderem um die offensichtlichen wie Herzfrequenz, Laktatwert, Tempo. Es geht um die Leistungskapazität eines Athleten zwischen minimaler und maximaler Sauerstoffaufnahme. Und es geht darum, das Optimum für jeden Einzelnen herauszufinden. Für den Sprinter wie für den Langstreckler.

Törpel nutzt hierzu alle technischen Möglichkeiten und speist in einer entsprechenden Software all diese Parameter ein. Was so trocken klingt, ist für ihn „ein sehr lebendiges Feld, es ist sehr fruchtbar“. Das Ergebnis, das ihm der Rechner nämlich ausgibt, „sind die Informationen, aus denen wir Rückschlüsse für das Training ableiten und die ich den Trainern an die Hand gebe, um darauf ihre Trainingspläne einstellen zu können“, erklärt der Wissenschaftler. Wie Törpel letztlich den Erfolg seiner Arbeit definiert? „Der Spitze voraus zu sein, das macht es aus.“

Wissen soll Erfolg schaffen. So läuft es jetzt eineinhalb Jahre. So wurde versucht, mit Blick auf die Olympischen Spiele in Tokio, die heute eröffnet werden und bei denen morgen die ersten Schwimm-Wettbewerbe im Tokyo Aquatic Centre gestartet werden, die Leistung jedes einzelnen der 28 deutschen Becken-Schwimmer, die es letztlich nach Japan geschafft haben, zu steigern. Ob alles auch zum Ziel führt, sogar zum Edelmetall, dem ersten für den DSV seit den Sommerspielen 2008 in Peking? „Die Abrechnung folgt immer nach dem Höhepunkt“, sagt Bernd Berkhahn, der sich zu keiner Prognose hinreißen lässt. Und der sich erst recht nicht unter Druck setzen lässt. Von nichts. Von niemandem.

Na gut, es gab im vergangenen Dezember diesen Moment, in dem er sich gefordert fühlte. Als er in Baden-Baden zum „Trainer des Jahres“ vom Deutschen Olympischen Sportbund gekürt wurde. Er berichtet lächelnd: „Meine ersten Worte an die Jury waren: Das ist jetzt aber verpflichtend für die Olympischen Spiele.“ Aber er hat diese Auszeichnung nie als Last oder Bürde empfunden, „die ich ständig mit mir herumtrage und an die ich ständig denke“. Nein, für ihn war es „eine tolle Anerkennung für meine Arbeit in der Vergangenheit“. Man kann sich vorstellen, wie Berkhahn danach in den Zug zurück nach Magdeburg gestiegen ist, wie er dann den Laptop geöffnet und die Trainingspläne für seine Schützlinge geschrieben hat. Wie er sofort den Fokus auf die Arbeit der Zukunft gerichtet hat. Diese erfährt in Tokio ihre Vollendung.

Berkhahn weiß natürlich, dass er in Florian Wellbrock vom SCM die größte Medaillenhoffnung hat, einen Favoriten über drei Strecken: über 800 und 1500 Meter Freistil im Becken, über zehn Kilometer im Freiwasser. Wellbrock genießt diese Rolle. Der Doppelweltmeister von Gwangju 2019 will immer gewinnen. Seit 2014 betreut Berkhahn seinen 23-jährigen Schützling, fordert ihn, fördert ihn – auch in seiner Persönlichkeit. Aber Wellbrock sieht sich nicht als Retter des deutschen Schwimmens. Und ein Wellbrock allein ist nicht die ganze Mannschaft.

Wir sollten die Erwartungen an die Mannschaft nicht zu hoch ansetzen.

Bernd Berkhahn

An diese „sollten wir die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen“, sagt der Bundestrainer. „Sicher müssen wir uns nicht verstecken, aber wir haben im Vergleich zu anderen Nationen noch vieles aufzuholen.“ Die Olympia-Normen waren dem zwölften Platz der vergangenen WM und der vergangenen Sommerspiele in Rio angeglichen. Was bedeutet: „Die Zeiten sind darauf ausgerichtet, dass jeder Athlet bei einer normalen Leistungsentwicklung auch in Tokio das Halbfinale erreicht“, erklärt der Coach.

An der Leistungsentwicklung haben Bernd Berkhahn und Alexander Törpel intensiv gearbeitet. In der Theorie wie in der Praxis. Der ehemalige Brustschwimmer und einstige Judoka haben beinahe täglich von 7 bis 19 Uhr damit verbracht, die Erfahrung der Trainer wie Berkhahn selbst oder wie der 74-jährige Norbert Warnatzsch, seinen Assistenten, der Britta Steffen vor 13 Jahren zum olympischen Doppelgold geführt hatte, mit einem Ergebnis aus bis zu 160 Parametern in Einklang zu bringen. Und Berkhahn vermittelt das Gefühl, dass alle ihre Hausaufgaben extrem gut erledigt haben.

Aber ebenso ist sich der Trainer sicher: „In Tokio werden wir einen extremen Leistungssprung der internationalen Konkurrenz sehen.“ Deshalb sagt er über seine Schützlinge: „Wenn es jemand ins Finale schafft, dann müssen wir es feiern.“ Mögen die Spiele beginnen.

Alexander Törpel.
Alexander Törpel.
Foto: Daniel Hübner