Olympia

Mark Zabel vom SCM: Pink fährt voraus

Mark Zabel hat vor 25 Jahren olympisches Gold im Vierer-Kajak gewonnen. Für seinen Schützling Moritz Florstedt vom SC Magdeburg war das ein willkommener Anlass, die Erinnerungen seines Trainers aufleben zu lassen.

Von Daniel Hübner
Helden wie wir (v. l.): Thomas Reineck, Mark Zabel, Olaf Winter und Detlef Hofmann verlassen nach ihrem Sieg und der Ehrenrunde in Atlanta lächelnd die Regattastrecke.
Helden wie wir (v. l.): Thomas Reineck, Mark Zabel, Olaf Winter und Detlef Hofmann verlassen nach ihrem Sieg und der Ehrenrunde in Atlanta lächelnd die Regattastrecke. Foto: imago images

Magdeburg - Mark Zabel wird sich an diesem Sonnabend den Wecker stellen. Vielleicht auf fünf Uhr. Um sich noch ein wenig Wasser ins Gesicht zu werfen. Um den Kreislauf in Form zu bringen. Auch dieser will nämlich vorbereitet sein auf das Rennen, das Zabel erwartet: „Es wird spannend. Und es lohnt sich, dafür auch aufzustehen.“ Was er meint: das Finale im Viererkajak der Männer in Tokio, das an jenem Tag um 5.37 Uhr mitteleuropäischer Zeit gestartet wird.

Mit Spannung kennt sich Zabel aus. Viel Spannung hat er selbst bei seinen Teilnahmen an Ringefestivals erfahren. Wie zum Beispiel am 3. August 1996 in Atlanta (USA). Als der heutige Trainer der SCM-Kanuten auf Position zwei hinter Schlagmann Thomas Reineck und vor Olaf Winter sowie Detlef Hofmann seinen ersten von drei Endläufen bei Sommerspielen bestritt. Manchmal schaut er sich das Video von diesem Rennen an. Manchmal gibt es auch einen speziellen Anlass, sich an diesen Moment zu erinnern. Wie am Dienstag dieser Woche, am Jubiläumstag seines Olympiasieges, den er neun Tage vor Vollendung seines 23. Lebensjahres in Atlanta eingefahren hat.

Und zu diesem 25. Geburtstag haben sich sein Schützling Moritz Florstedt und dessen Vater Matthias eben etwas Besonderes einfallen lassen. Sie haben einen Einer aus jener Ära in den 1990er Jahren besorgt und aufbereiten lassen von einem Bootsbauer. Es strahlt in Pink, wie alle Boote der deutschen Flotte damals in Pink gestrahlt haben und heute noch strahlen. Um die Gegner zu verunsichern, heißt es. „Es ist etwas wackelig“, stellte Zabel nach der Probefahrt auf der Zollelbe fest. Jetzt soll es das Heim des 47-Jährigen verschönern. „Ich werde einen Platz finden, es hat einen großen ideellen Wert.“

Moritz Florstedt ist als Zehnjähriger zu Zabel gekommen, seither sind sie ein Team, seither gehen sie Schritt für Schritt einer hoffnungsvollen Karriere Florstedts entgegen. „Ich habe von Anfang an zu ihm aufgeschaut“, sagte der 19-Jährige. Und er hat von Anfang an gewusst, dass er das erleben will, was Zabel erlebt hat: Olympische Spiele, Finale, Gold. Trainer und Athlet peilen Florstedts ersten Start im Zeichen der Ringe in Paris 2024 an. Vielleicht im Vierer.

Ich wünsche dem Vierer die Goldmedaille.

Mark Zabel

Auch wenn es in der Tradition dieses Großbootes vom Deutschen Kanuverbandes (DKV) liegt, zu Höhepunkten immer vorn dabei zu sein, war auch der Sieg in Atlanta grundsätzlich keine Selbstverständlichkeit. Zabel war erst ein Jahr zuvor in die Leistungsklasse gewechselt, er hat 1995 die nationale Qualifikation gewonnen. Und ihm war entgegengekommen, dass dann der zweite Vierer beim Weltcup in Szeged (Ungarn) besser abgeschnitten hatte als der erste: „Vielleicht war das mein Glück“, bestätigte er. Vielleicht wäre er sonst nicht ins Großboot gerutscht, sondern wäre den Einer in Atlanta gefahren. „Der Vierer war schon immer das Boot, das vom DKV starkgemacht wurde. Da war auch immer einer dabei, dessen Leistung einen Start im Einer gerechtfertigt hätte“, erklärte Zabel. So gewann er gleich in seiner ersten Elitesaison im Vierer das Finale bei der Weltmeisterschaft. Auch gegen die mitfavorisierten Ungarn.

Wenn er nun in den Erinnerungen stöbert und darin 1996 in Atlanta startet, erlebt er immer noch diesen Gänsehaut-Moment. Dabei war es ein Finale der Ungewissheit. „Die Ungarn hatten sich die ganze Saison nicht blicken lassen, waren keinen einzigen Weltcup gefahren. Wir sind bis zu den Spielen nie gegen sie angetreten.“ Aber dort lagen nun beide Boote nebeneinander. Deutschland auf Bahn fünf. Ungarn auf Bahn sechs. Und sie lagen auch nach 750 der 1000 Meter noch auf Augenhöhe. Ehe Zabel und Co. das Tempo verschärften, sich absetzten und deutlich gewannen. Mit einem Vorsprung von 1,656 Sekunden. „Das war eine klare Nummer, so hatte es sich im ersten Moment jedenfalls angefühlt“, berichtete Zabel.

Die Ungarn hatten letztlich alles falsch gemacht. „Für uns war es gut, zuvor nicht mehr gegen sie gefahren zu sein. Sie hätten uns vielleicht bei einem Weltcup geschlagen. Dann hätte sich ein zusätzlicher Druck aufgebaut“, sagte Zabel, der noch bei den Spielen in Sydney und Athen in jener Bootsklasse jeweils die Silbermedaille gewann.

Druck ist für die Boote des erfolgreichsten Verbandes der Welt allerdings immer da. Und diesen wird auch der Vierer am Sonnabend in Tokio spüren: Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke. „Ich wünsche ihnen die Goldmedaille. Gerade, weil es für Ronny Rauhe ein schöner Abschluss wäre.“ Der 39-jährige Potsdamer beendet nach seinen sechsten Spielen seine Karriere. Und mit Ausnahme von London 2012 hat er immer eine Medaille gewonnen. Nur muss sich der Vierer diesmal sputen. Denn gefahren werden nicht mehr 1000, sondern nur noch 500 Meter.