Oberhof/Magdeburg l Siegerehrung. Und man konnte sehen, wie sich die Lippen von Tatjana Hüfner zu einem traurigen Lächeln formten. Wie ihre blauen Augen in Tränen tauchten. Wie nach 15 Jahren ihrer internationalen Karriere gerade der Abschiedsgedanke durch den Kopf schoss. Hunderte Zuschauer jubelten ihr am Sonntag in Oberhof beim Rodel-Weltcup und zugleich bei der Europameisterschaft entgegen, Hüfner reckte den Blumenstrauß in den wolkenverhangenen Himmel, der ihr einen verregneten Abschied von ihrem „Wohnzimmer“ bescherte. Das war‘s. Das war ihr letzter Auftritt in Oberhof. Ein versilbertes Ende.

Genauso versilbert wie zum Anfang ihrer Karriere. „Hier schließt sich der Kreis“, sagte Hüfner nämlich. 2004 hatte sie in Oberhof bei ihrer ersten internationalen Meisterschaft, ebenfalls einer EM, sogleich ihre erste Medaille gewonnen. Deshalb „bin ich super glücklich“, erklärte die Blankenburgerin nach der Neuauflage 2019. „Und sehr erleichtert.“

Ein Tipp von den Patenkindern

Sie hätte ihn natürlich gerne auch vergoldet. „Aber mir sind beide Läufe nicht ganz so geglückt, um der Natalie noch mehr Paroli bieten zu können“, resümierte die 35-Jährige. Natalie Geisenberger gewann in 1:22,810 Minuten nach beiden Durchgängen und steht als erste Frau kurz davor, zum siebten Mal den Gesamtweltcup zu holen. Hüfner folgte mit 0,223 Sekunden Rückstand. Und erklärte der Siegerin im Scherz: „Ich habe dich vorgelassen, damit wir meine Geschichte auch verkaufen können.“

Viel wichtiger war an diesem Tag sowieso das Gefühl, wieder eine Chance aufs Podium zu haben – nach einer bislang weniger guten Saison, in der sie lediglich zum Auftakt in Innsbruck (Österreich) Dritte geworden war. „Schon im Training hatte sich angedeutet, dass ich wieder konkurrenzfähig bin, deshalb war ich ganz schön aufgeregt“, gestand Hüfner.

Diese Aufregung hatte sie nicht zuletzt vier ihrer fünf Patenkinder zu verdanken. Sie fragten ihre Tante nämlich nach der verkorksten Weltmeisterschaft mit Rang zehn: „Willst du nicht den Schlitten aus dem letzten Jahr wieder nehmen?“, berichtete Hüfner lächelnd. Sie tauschte das Gerät, sie hatte „alles in die Waagschale geworfen, um nochmal anzugreifen“. Mit Erfolg.

Sotschi genießen

Es wird wohl ihre letzte Aufregung bleiben. In zwei Wochen beenden die Rodler die Saison in Sotschi (Russland). Danach ist die Laufbahn der 35-Jährigen, die fünf Einzel-Weltmeisterschaften gewann, die einen kompletten Medaillensatz bei vier Olympischen Spielen holte, endgültig vorbei. Und das Abtrainieren beginnt. „Ich werde weiterhin jeden Tag an der Bahn in Oberhof sein, aber dann ganz ohne Leistungsdruck rodeln“, blickte Hüfner schon nach der WM in Winterberg voraus.

Für Toni Eggert geht dagegen der Kampf weiter. Der Kampf um die beste Athletik, der Kampf um den schnellsten Schlitten. Dem Ilsenburger Piloten fehlte am Sonnabend im Doppelsitzer die beste fahrerische Linie, weshalb sich er und sein Sozius Sascha Benecken Tobias Wendl/Tobias Arlt geschlagen geben. Die Bayern siegten in 1:21,951 Minuten und mit 0,200 Sekunden Vorsprung auf Eggert/Benecken.

Eggert vor Gesamtsieg

„Wir hatten schon in der ganzen Woche Probleme mit der Kurve neun“, resümierte Eggert. Im ersten Durchgang habe er das Problem lösen können, „im zweiten ist es uns nicht noch einmal geglückt“. EM-Silber, sagte der 30-Jährige, „ist für uns in Ordnung, das Ergebnis ist auch gut für den Gesamtweltcup“.

Dort führen Eggert/Benecken mit 895 Punkten vor Thomas Steu/Lorenz Koller (Österreich/721). 200 Siegerzähler werden mit dem olympischen und dem Sprintwettbewerb in Sotschi vergeben. Wenigstens einmal also muss Eggert um wichtige Punkte fahren, um mit Benecken zum vierten Mal insgesamt und zum dritten Mal in Serie das Gesamtklassement für sich zu entscheiden. Hüfner blickte indes voraus: „Ich werde die letzten Fahrten genießen.“