Ärger um Olympia-Quotenregeln Sofa statt Spiele: Warum deutsche Wintersport-Asse zuschauen
Trotz guter Leistungen dürfen einige deutsche Wintersportler nicht zu den Olympischen Spielen fahren. Selbst Welt- und Europameister werden wohl fehlen - wegen umstrittener Quotenregeln.

München - Für den formschwachen Skispringer Karl Geiger ist der Traum von Olympia wohl geplatzt, auch die Rodel-Weltmeister Paul Gubitz und Hannes Orlamünder werden nicht dabei sein - und Top-Kombiniererin Nathalie Armbruster hatte erst gar keine Chance, sich zu qualifizieren.
Wenn am 6. Februar die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo beginnen, müssen einige deutsche Wintersport-Stars mit der Zuschauerrolle auf dem Sofa vorliebnehmen. Das ist schon vor der Nominierung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an diesem Dienstag (13.00 Uhr) in München sicher.
Verhältnismäßig wenig Quotenplätze für Top-Nationen
Das heftige Aussieben liegt nicht nur an der fehlenden internen Norm wie bei Geiger oder dem harten internen Konkurrenzkampf wie im Rodeln, sondern auch an den Regelungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Dabei geht es um Quotenplätze, die sich aus einem komplizierten Berechnungssystem ergeben.
„Die Quotenberechnung passt schon seit Jahren nicht, das ist nicht neu. Dass beispielsweise Nationen, die nur einen Fahrer mit Weltcup-Niveau stellen, drei Startplätze bekommen, kann nicht im Sinne des Leistungssports sein. Aber es ist eigentlich auch zwecklos, sich ständig öffentlich darüber zu äußern, da die Entscheidungsträger bei der Fis (Internationaler Skiverband, Anm. d. Red.) und beim IOC sind“, sagte der Sportvorstand des Deutschen Skiverbands, Wolfgang Maier.
Neue Formate, weniger Quotenplätze
So sind in der Nordischen Kombination nur noch drei Athleten des erfolgsverwöhnten deutschen Teams für Olympia teilnahmeberechtigt. Hintergrund ist, dass sich die Zahl aller Sportler bei Winterspielen nicht vergrößern soll, IOC und Fis aber möglichst viele Nationen dabeihaben wollen.
Ähnlich wie im Skispringen gibt es in Italien auch in der Kombination keinen klassischen Teamwettbewerb mit vier Sportlern pro Nation mehr. Stattdessen finden nur noch Teamevents mit jeweils zwei Athleten pro Land statt. „Das ist sehr, sehr schade, dass unsere Quoten so gekürzt wurden. Es ist sehr traurig, dass wir nur drei Leute jetzt dabeihaben“, sagte Olympiasieger Vinzenz Geiger.
Die Reduzierung der Startplätze für die stärksten Nationen ist aber längst nicht das größte Problem der Kombination. Die Frauen wie Gesamtweltcupsiegerin Armbruster sind gar nicht dabei, für die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen erwägt das IOC, die Sportart sogar komplett zu streichen. „Ich kämpfe dafür, dass wir olympisch bleiben“, betonte Geiger.
Deutsches Rodel-Team wohl ohne Europameisterinnen
Im Rennrodeln fehlt ein Duo, das um Gold hätte fahren können. Die neuen Doppelsitzer-Europameisterinnen Jessica Degenhardt und Cheyenne Rosenthal, die am vergangenen Weltcup-Wochenende in Oberhof noch die komplette Weltelite hinter sich lassen konnten, sind bei Olympia zum Zuschauen verdammt.
„Wir hoffen darauf, dass wir noch nachrutschen können“, hatten die beiden zuletzt gesagt, nachdem sie sich während der Weltcup-Saison im internen Konkurrenzkampf mit Dajana Eitberger und Magdalena Matschina um den einzigen deutschen Startplatz bei der Olympia-Premiere im Doppelsitzer der Frauen geschlagen geben mussten. Eitberger/Matschina waren über den gesamten Winter schlichtweg konstanter und haben mehr Punkte im Qualifikationszeitraum gesammelt.
Auch Weltmeister fehlen
Ob der Bob- und Schlittenverband (BSD) einen zweiten Platz erhält, hängt von den anderen Nationen ab. Eine der für die Olympischen Winterspiele infrage kommenden Nation müsste dort ihren Quotenplatz nicht in Anspruch nehmen - das ist allerdings eher unrealistisch.
Auch die Doppelsitzer Paul Gubitz und Hannes Orlamünder werden Olympia lediglich vor dem heimischen Bildschirm verfolgen dürfen. Sie sind in dieser Saison die deutsche Nummer drei hinter den Olympiasiegern Tobias Wendl/Tobias Arlt und dem Duo Toni Eggert/Florian Müller. Zwei Startplätze gibt es aber nur.
Ärger auch im alpinen Lager: „Riesen-Bullshit“
Nicht nur in Deutschland heißt es für manche Athleten: Sofa statt Spiele. Besonders bizarr ist die Situation im alpinen Bereich. Nach Angaben der Fis mit Stand vom Samstag darf Brasilien bei den Männern dank der Leistungen des gebürtigen Norwegers Lucas Pinheiro Braathen, der als Alleinunterhalter seit voriger Saison für das Heimatland seiner Mutter fährt, drei Sportler nach Italien entsenden.
Im Lager der Österreicher stößt die Quotenregelung auf Unverständnis. „In einer Trainersitzung wurde diese Thematik angesprochen, da haben einige wortwörtlich gesagt, dass diese Vergabe ein "Riesen-Bullshit" ist“, wurde der Cheftrainer der Männer, Marko Pfeifer, von der österreichischen Nachrichtenagentur APA zitiert. Zwar sei es wünschenswert, dass mehr Länder bei olympischen Alpin-Bewerben an den Start gehen. „Trotzdem gehört das überdacht“, so Pfeifer weiter.