Statt „Infight“ ist jetzt Distanz angesagt. Wie gehen Sie denn bei SES mit der Corona-Epidemie um?

Ulf Steinforth: "Unser Gym ist geschlossen. Die Boxer halten sich alle individuell fit. Und ansonsten ist auch bei uns größtenteils Homeoffice angesagt. Wir haben zwar aktuell leider keine Veranstaltung zu planen. Aber es gibt auch so genug Büroarbeit. Für das eine oder andere hat man jetzt auch mehr Zeit. Dabei recherchieren wir auch, wie wir unseren Partnern helfen können, und schauen da nach neuen Nachrichten. Und wie viele andere Firmen denken auch wir für unsere Festangestellten über Kurzarbeit nach."

Ohne Coronavirus wären es jetzt ja Festwochen im SES-Boxstall gewesen. Erst das 20-jährige Jubiläum am 16. März, dann der Kampf von Dominic Bösel. Was war denn da alles so geplant?

Ulf Steinforth: "Oh ja, wir hatten für unser Jubiläum einen ganz großen Empfang mit vielen alten Wegbegleitern geplant. Aber jetzt geht es erst einmal nur um die Gesundheit von uns allen. Feiern können wir immer noch. Und auf einen Kampfabend, der live in der ARD übertragen wird, haben wir viele Jahre hingearbeitet. Das war immer einer der großen Träume von uns. Und jetzt ist das fast so, als wäre man bei einem Marathon auf der Zielgeraden gestolpert und liegen geblieben."

Warum haben Sie eigentlich so lange gezögert, die für den 28. März geplante Veranstaltung abzusagen?

Ulf Steinforth: "Auch wenn wir unseren Kampfabend erst spät abgesagt haben, war es nicht so, dass wir uns da keine Sorgen gemacht haben. Während bei RB Leipzig noch vor rund 40 000 Zuschauern in der Champions League Fußball gespielt wurde, haben wir schon ein Konzept erstellt, um den Boxabend notfalls auch im kleinen Kreis zu veranstalten. Dann sind wir aber von den Ereignissen überrollt worden und die Hoffnung starb von Stunde zu Stunde. Außerdem hatten wir auch Verantwortung für viele unserer Partner und konnten nicht so einfach absagen. Auch die Sportler haben sich monatelang vorbereitet. Als die Politik jegliche Veranstaltungen verbot, war auch die rechtliche Grundlage gegeben."

Welche Planungen hat das Coronavirus noch zunichte gemacht?

Ulf Steinforth: "Am 9. Mai sollte Tom Schwarz in Riesa boxen. Und für Adam Deines war dort an diesem Tag sogar ein WM-Eliminatorkampf geplant. Auch für Stefan Härtel und Nina Meinke waren wir im Hinblick auf einen WM-Kampf in guten Gesprächen. Schade, da hatten sich gute Chancen angedeutet."

Welche Kämpfe waren in den 20 Jahren die absoluten Highlights?

Ulf Steinforth: "Da gab es wirklich viele. Dominic Bösels Weg zum Weltmeister gehört dazu. Ganz oben steht natürlich auch der Sieg von Robert Stieglitz gegen Arthur Abraham. Und obwohl der Kampf zwischen Tom Schwarz und Tyson Fury im vergangenen Sommer schnell zu Ende war, hat uns dieses Duell eine unglaubliche mediale Aufmerksamkeit beschert."

Gab es auch Momente, an denen Sie bereut haben, ins Boxgeschäft eingestiegen zu sein?

Ulf Steinforth: "Als Robert Stieglitz im März 2007 in Rostock gegen Alejandro Berrio K.o. ging, hatte ich große Sorge um meinen Boxer und viel nachgedacht. Auch die schwere Niederlage von Malik Dziarra gegen Mario Veit im Dezember 2002 ging mir sehr nahe. Und als Francesco Pianeta im Juli 2015 schon nach zwei Minuten gegen Ruslan Chagaev verlor, wäre ich am liebsten direkt aus der Halle gelaufen und nach Hause gefahren. Wir hatten diesen Kampf monatelang vorbereitet, einen Riesenaufwand betrieben und dann das. Auch finanziell war es mal ganz eng. Da musste ich vier Wochen lang jeden Tag nach Berlin fahren, um einen Sponsor immer wieder daran zu erinnern, dass er uns 100 000 D-Mark schuldet. Zum Glück hat er das Geld irgendwann auch gezahlt, sonst würde es SES heute wahrscheinlich nicht mehr geben."

Haben Sie denn eigentlich bei Ihren Veranstaltungen mitgezählt? Und was ist Ihr Motto für den Erfolg als Promoter?

Ulf Steinforth: "Inzwischen liefen 146 Veranstaltungen unter dem SES-Logo. Damit sind wir in Deutschland die Nummer drei hinter Universum mit 299 Veranstaltungen und Sauerland mit 250 Veranstaltungen. Motto war und ist für mich, auf dem Boden zu bleiben. Ich bin kein Lautsprecher, der trommelt und viel heiße Luft verbreitet, sondern lieber Realist, der seriös und verbindlich bleibt."

Welchen Traum würden Sie sich denn noch unbedingt erfüllen wollen?

Ulf Steinforth: "Erst einmal wünsche ich mich mir, dass wir alle gesund durch die aktuelle Krise kommen und die auch wirtschaftlich irgendwie überstehen. Und was das Boxen angeht, träume ich davon, irgendwann einen deutschen Schwergewichts-Weltmeister im SES-Boxstall zu haben."

Welche Lehren sollte die Menschheit aus der Corona-Krise ziehen?

Ulf Steinforth: "Ich bin gewiss kein Ökotyp. Aber man merkt in solchen Situationen sehr deutlich, wie verwundbar wir Menschen doch sind. Den Kampf gegen diesen Virus werden wir gewiss gewinnen. Aber wenn wir nicht aufpassen, dann kommt der nächste Virus mit Ansage. Und möglicherweise einer, der noch viel schlimmere Auswirkungen hat."

Und wie lautet Ihr Appell an die Bevölkerung?

Ulf Steinforth: "Wir brauchen jetzt ein Wir-Gefühl. Es geht um uns alle. Und darum sollten wir uns alle auch an die Bestimmungen halten und wirklich mal zu Hause bleiben. Es ärgert mich ungemein, dass einige Leute das alles immer noch als Happening ansehen. Auch die Hamsterkäufe müssen nicht sein. Deshalb gehe ich im Supermarkt ganz bewusst mit einem kleinen Körbchen einkaufen."