Magdeburg l Beim Training mit Kindern und Jugendlichen des Stendaler BoxClubs kehrte bei Yoan Pablo Hernandez das Kribbeln zurück. Es selbst noch einmal im Ring probieren – das wär‘s doch. „Dann haben wir SES-Promoter Ulf Steinforth über unsere Idee informiert. Und der war gleich begeistert“, verrrät Christoph Schlender, der Vorsitzende des BoxClubs. Hernandez ergänzt: „Er hat mich ja jeden Tag gesehen und meinte, so wie ich mich bewege und körperlich drauf bin, sollte ich es auf jeden Fall noch einmal versuchen.“ So ist der 35-Jährige seit einem halben Jahr wieder selbst ins Training eingestiegen und wird dabei von Schlender gecoacht.

Cruiser-Champ von 2011 bis 2015

Wie man boxt, muss einem Hernandez keiner beibringen. Der gebürtige Kubaner hat 30 Profikämpfe bestritten, 29 davon gewonnen, dabei 14 Mal die Duelle vorzeitig entschieden. Von 2011 bis 2015 trug Hernandez den Weltmeistergürtel im Cruisergewicht der IBF. Den hatte er sich in Neubrandenburg gegen Steve Cunningham aus den USA geholt. Doch nachdem er die IBF-Krone dreimal verteidigt hatte, zweimal nach Punkten, einmal durch K.o., folgte im August 2014 der bisher letzte Kampf seiner Karriere. Damals gewann er ziemlich umstritten gegen Firat Arslan nach Punkten.

Weil er aus Verletzungsgründen im Oktober 2015 eine erneute Titelverteidigung absagen musste, wurde ihm von der IBF der Titel aberkannt. Hernandez hatte zu dieser Zeit vom Boxen genug, musste sich an den Knien und am Ellenbogen operieren lassen und verkündete im Alter von 30 Jahren überraschend sein Karriereende.

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Hernandez jetzt im Schwergewicht

Doch jetzt sind Menisken und Ellbogen geglättet und der Körper wieder stabil. Und um sich nicht wie in seiner Zeit im Cruisergewicht mit dem Einhalten der vorgeschriebenen Kilos herumzuplagen, wechselt Hernandez ins Schwergewicht und bringt aktuell 105 Kilo auf die Waage. Hernandez: „Die Pause hat gutgetan. Ich fühle mich jetzt körperlich wieder richtig gut und bin bereit, meine Geschichte im Ring richtig zu Ende zu bringen.“

Im August auf der Seebühne dabei

Bereits am 22. August soll er beim SES-Abend auf der Magdeburger Seebühne sein Comeback geben. Schlender: „Deshalb sind wir jetzt auch schon mitten im Sparring und arbeiten fleißig an der Kondition. Pablo quält sich auch richtig. Ich denke mal, für acht Runden dürfte es schon reichen.“ Und Hernandez betont: „Ich will nicht gleich übertreiben. Nach sechs Jahren Pause muss sich die Ringroutine erst wieder einstellen.“

Bei SES ist man überzeugt, dass das schnell funktioniert. Steinforth: „Im ersten Moment mag jemand an eine Schnapsidee denken. Das ist es aber nicht. Wir haben uns alles reiflich überlegt. Ich habe auch lange mit Pablo gesprochen. Der will es unbedingt noch einmal wissen.“

Wegner schwärmt vom gebürtigen Kubaner

Auch Ulli Wegner, der Hernandez damals im Sauerland-Boxstall trainierte, drückt die Daumen. „Ich hoffe für ihn, dass alles gut geht. Denn er ist ein guter und fleißiger Junge. Und für mich war er auch eines der größten Talente ist, die ich je betreut habe“, so Wegner, der Hernandez einst zum Weltmeister machte und mit seiner strengen Art ideal zum lockeren Boxer passte. Die größte Aufgabe für Wegner war dabei immer, das kubanische Temperament richtig zu kanalisieren. Wegner: „Mit seiner Kombination aus Explosivität und technischer Klasse war Pablo eigentlich unschlagbar.“

Große Ringerfahrung

Der 1,93 Meter große Rechtsausleger hat die kubanische Amateur-Boxschule durchlaufen, ist ein echter Ästhet mit Handschuhen und verfügt vor allem über die nötige Kampferfahrung. Schlender: „Es ist ja nicht so, dass hier irgendeiner zurück in den Ring klettert. Pablo hat ja auch schon die richtig großen Kämpfe bestritten, kennt die Situationen, wenn es im Ring auch mal eng wird. Und das sind die Dinge, die unheimlich wichtig sind und die man nur in echten Duellen lernen kann.“

Fleißig und diszipliniert

Auch im Leben allgemein hat er viel erlebt. Aufgewachsen ist Hernandez in Pinar del Rio, rund 150 Kilometer von Kubas Hauptstadt Havanna entfernt. Als 20-Jähriger setzte er sich dann 2002 als damaliger Junioren-Weltmeister am Rande des Chemie-Pokals in Halle von der kubanischen Nationalmannschaft ab. Mit Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit wurde er zum „Deutschen“ unter den Kämpfern im Sauerland-Stall.

Auch nach den ersten dicken Börsen blieb Hernandez bescheiden und überließ es seinem Stallkollegen Arthur Abraham, mit dicken und teuren Autos beim Gym am Berliner Olympiastadion vorzufahren. Trotzdem hatte der symphatischen Boxer auch immer wieder mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

Stendal als neuer Lebensmittelpunkt

Nach seinem Karriereende wurde Halle zum Lebensmittelpunkt. Dort hatte er auch seine Frau, eine Kamerunerin, kennengelernt. Inzwischen sind beide mit Tochter und Sohn in Stendal heimisch geworden. Hernandez: „Wir fühlen uns hier richtig wohl. Klein, aber fein. Und der BoxClub hat mir beruflich eine neue Chance gegeben.“ Die jetzt sogar wieder in den eigenen Fäusten liegt.