Magdeburg l Die Spitzenathleten aus den Magdeburger Bundesstützpunkten haben von der Stadt das grüne Licht für die weitere Olympia-Vorbereitung bekommen. Wenngleich alle kommunalen Sportstätten und Bäder zunächst bis zum 13. April geschlossen sind, wurde von der Stadt eine Ausnahme für „Bundeskader in den olympischen und paralympischen Sportarten Schwimmen, Kanu-Rennsport, Rudern und Leichtathletik, die noch hinreichende Chancen auf eine Teilnahme an einem Qualifikationswettkampf in Tokio 2020 haben", erteilt, hieß es gestern aus der Pressestelle des Oberbürgermeisters Lutz Trümper. So können Florian Wellbrock, Yul Oeltze, Franziska Hentke, Martin Wierig vom SCM, aber auch Sarah Köhler, die für die SG Frankfurt startet, weiter an ihrer Form für die Sommerspiele, die vom 24. Juli bis 9. August in Tokio (Japan) ausgetragen werden sollen, arbeiten. Derweil suchen die nationalen Verbände der einzelnen Disziplinen weiter nach Lösungen für die Olympia-Qualifikation ihrer Athleten.

Schwimmen

Am Sonntagmorgen um 6 Uhr sind die Schwimmer des SCM an der Elbehalle angekommen. Zurück aus dem Höhentrainingslager in der spanischen Sierra Nevada. Zunächst ausgeflogen mit einer Chartermaschine eines holländischen Unternehmens von Granada nach Frankfurt-Hahn. Weiterchauffiert mit einem Bus des Deutschen Handballbundes (DHB) nach Magdeburg. In einer Nacht- und Nebelaktion ist der 21-köpfige Tross um Trainer Bernd Berkhahn aus Spanien gebracht worden. „Ein Wahnsinn“, sagte Berkhahn über die vergangenen stressigen Tage zwischen dem Aufenthalt in 2300 Metern Höhe und der Ankunft an der Elbe. Doch damit ist der Stress für den 49-Jährigen nicht beendet.

Wie soll es nun weitergehen für die Athleten des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), wie wollen sie die Normzeiten für Olympia erzielen? Darüber haben sich die Bundestrainer Berkhahn und Hannes Vitense sowie Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen viele Gedanken gemacht. Wie der Verband letztlich vorgehen wird, darüber will er in den kommenden Tagen informieren. Fakt ist: "Wer jetzt einen Trainingsausfall von zwei bis drei Wochen hat, der hat auch geringere Chancen auf einen Spitzenplatz bei den Sommerspielen", sagte Berkhahn.

Zumindest in einer Disziplin allerdings hat der DSV einen großen Vorteil: „Wir haben uns für die Freiwasser-Wettbewerbe bereits qualifiziert“, erinnerte Berkhahn: mit Leonie Beck (Würzburg) und Finnia Wunram bei den Frauen sowie Weltmeister Florian Wellbrock und WM-Bronzegewinner Rob Muffels (alle SCM) bei den Männern.

Derweil wurde in Japan zwar die für den 22. März geplante offizielle Eröffnung des Tokyo Aquatics Centres abgesagt, dennoch wollen die Japaner ihre nationalen Meisterschaften ab dem 1. April wie geplant durchführen.

Rudern

Max Appel ist am Sonnabend aus dem portugiesischen Frühling geflüchtet. Mit sieben weiteren Skullern verließ der Ruderer vom SC Magdeburg das Trainingslager am Lago Azul, fuhr mit dem Bus eineinhalb Stunden nach Lissabon, stieg in den Flieger und erreichte am Abend Hamburg. Viele Verbände haben die Lehrgänge auf internationalem Boden inzwischen abgebrochen oder abgesetzt. Appel wird sich am Dienstag mit den Gefährten des Deutschen Rudervebandes (DRV) nach Ratzeburg begeben. „Wir schließen uns ein. Wir haben den gesamten Bundesstützpunkt für uns allein“, sagte Appel.

Als das Corona-Virus nach Deutschland kam, war der 23-Jährige mit seiner Mannschaft bereits in Portugal. Natürlich haben die Athleten die aktuellen Nachrichten trotzdem verfolgt, sind aber dennoch entspannt geblieben. „Auch weil keiner wirklich wusste, wie ernst die Lage war“, sagte Appel. Deshalb „haben wir einfach weitergemacht und werden auch weitermachen".

Einfach weitergemacht hat der Weltverband nicht mehr. Nicht nur, dass er die ersten beiden Weltcups in Sabaudia und Varese in Italien abgesagt hat, am Wochenende strich er auch die Olympia-Qualifikationsregatta in Luzern (Schweiz/17. bis 19. Mai). Auf der Homepage des  DRV heißt es: „Die Rennen werden nicht verschoben oder nachgeholt.“ Stattdessen soll nun im Gespräch mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) geklärt werden, wie die Qualifikations-Kriterien modifiziert werden könnten.

Und was machen derweil die Skuller? Derzeit lautet der Plan, zum ursprünglich ersten Weltcup-Termin (10. bis 12. April) interne Relationsrennen zu fahren: So könnte der Doppelvierer, in dem Appel seinen Platz gefunden hat, gegen den Deutschland-Achter antreten. Zum zweiten Termin am ersten Mai-Wochenende stehen die Coaches einzelner Nationalteams im Austausch, ob sie sich mit ihren Teams zum Vergleich treffen können.

Solch einen Vergleich bräuchte jedes Boot, um sein Niveau überhaupt mal zu testen und daraus Schlüsse für die weitere Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio zu ziehen. Denn eines hat sich nicht geändert: „Wir haben nach wie vor Lust auf Olympia“, betonte Appel.

Kanu

Nach der Rückreise war es Zeit für einen Plausch an der alten Zollelbe. Michael Müller hatte sicher einiges zu erzählen über die vorzeitige Rückkehr am Sonnabend aus dem Trainingslager im portugiesischen Montemor. Geplant war dafür der 19. März. Der Canadier-Fahrer vom SCM sprach also darüber am heimischen Bootshaus auch mit einem Athleten, der keinen Kaderstatus und deshalb in Magdeburg trainiert hat.

„Es gibt einen Verdachtsfall“, berichtete Bundesstützpunktleiter Björn Bach am Sonntag über jenen Athleten, dessen Namen er nicht nannte. „Er hat die typischen Erkältungssymptome und wird am Montag auf den Corona-Virus getestet. Er und alle, die mit ihm Kontakt hatten, wurden unter Quarantäne gestellt.“ Inzwischen hat sich herausgestellt: Der Athlet ist kein Verdachtsfall mehr. Ihm ist tatsächlich nur eine Erkältung diagnostiziert worden.

„Gerade in der jetzigen Situation ist es umso wichtiger, noch mehr zu trainieren“, betonte Bach indes. Ein Plan des Deutschen Kanuverbandes (DKV) sei es, dass der Olympia-Kader am Stützpunkt in Kienbaum unter sich seine Einheiten durchzieht. Zumindest will der Verband diese Möglichkeit anbieten. „Wir müssen jetzt darüber nachdenken, was für uns die sinnvollste Aktion ist“, sagte Bach.

Eine hektische Aktion muss es auch für Trainer Tino Hoffmann sowie seine U-23-Athleten und Junioren gewesen sein, als sie in Frankreich aufbrachen: Die Gruppe hatte sich in Le Temple auf die nächsten Aufgaben vorbereitet und musste am Freitag vorzeitig wieder abreisen. „Ich bin erst mal froh, dass alle Athleten gesund zurückgekehrt sind“, betonte der 43-jährige Bach.

Fragen bleiben allerdings noch zur Olympia-Qualifikation offen. Denn der DKV hat die für Anfang April in Duisburg geplante erste nationale Rangliste bereits abgesagt.

Leichtathletik

Trainer Armin Lemme ist in Sorge. „Jetzt ist die Zeit, in der die Leichtathleten gemacht werden, das ist alles katastrophal“, sagte der Coach während seiner Rückfahrt am Freitag von Kienbaum nach Magdeburg am Telefon. In der brandenburgischen Idylle hatte er seine Werfer auf die kommende Aufgabe vorbereitet: auf den ursprünglich geplanten Europacup am nächsten Wochenende in Leiria (Portugal) nämlich. Aber der Wettkampf wurde abgesagt. „Das ist natürlich schade, weil wir mit Anna und Martin Wierig und Henrik Janssen in der U 23 gleich drei Athleten am Start gehabt hätten“, erklärte Lemme.

Und das ist nicht die einzige Absage. Zypern, berichtete Lemme, lässt derzeit keine Deutschen einreisen. In der zypriotischen Hauptstadt Nikosia wollte die SCM-Gruppe ihr Trainingslager direkt nach Leiria aufschlagen. Überhaupt hat der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) inzwischen alle Lehrgänge seiner Nationalkader abgesagt. „Die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele findet bis auf Weiteres an den jeweiligen Bundesstützpunkten statt“, erklärte Idriss Gonschinska, Generaldirektor Sport, in einer DLV-Mitteilung.

Die Frage, die sich inzwischen alle stellen: Finden die Spiele in Tokio überhaupt statt? „Es wäre schade für die Athleten, wenn nicht“, sagte Lemme: „Olympia ist für sie ein einzigartiges Ereignis, auf das sie vier Jahre hinarbeiten.“