Magdeburg l Im vergangenen Juli gingen Bilder von Finnia Wunram um die Welt, die das Herz erwärmen ließen. Diese junge Frau, 1,64 Meter groß, 52 Kilo leicht, saß bei der Weltmeisterschaft in Gwangju (Südkorea) nach ihrem Zehn-Kilometer-Rennen erst allein auf der Start-Ziel-Brücke, dann lag sie in den Armen ihres Trainers Bernd Berkhahn. Immer wieder weinte sie die Tränen der Freude. Platz acht, so lautete ihr WM-Ergebnis über die olympische Distanz. Gleichbedeutend mit: Ticket für die Sommerspiele 2020 in Tokio.

Sechs Monate später sitzt die Freiwasser-Schwimmerin vom SC Magdeburg auf der Tribüne der Elbehalle. Viel Zeit hat sie nicht. Wortlos drängelt sie ein wenig dem Ende des Gesprächs entgegen. Der nächste Termin steht nämlich an, und Pünktlichkeit ist der disziplinierten Wunram wichtig. „Eigentlich ist nicht viel passiert“, sagt sie lächelnd. Nicht seit jener WM, bei der sie mit Silber über 25 Kilometer zugleich ihren bislang größten Karriereerfolg feierte.

Schlafen auf Pappe

Aber es soll viel passieren, noch sehr viel sogar auf dem Weg nach Japan, wo sie am 5. August im Odaiba Marine Park ins Bassin springen wird. Und wo sie im Olympischen Dorf dann in einem Bett aus gepresster Pappe schlafen wird, hat sie gelesen. „Das trägt aber bis zu 200 Kilogramm“, berichtet Wunram. Kein Grund zur Sorge für sie also.

Es wäre nun nicht ihre Art, sich nach der geschafften Qualifikation beruhigt zurückzulehnen und dem Trainings- alltag die gewöhnliche Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hat mit Bernd Berkhahn auch nicht den Trainer, der dies zulassen würde. „Natürlich steht man unter Spannung“, sagt Wunram entsprechend. „Es ist beruhigend, das Ticket bereits gelöst zu haben, und nimmt mir auch den Druck, trotzdem will ich ja in Tokio meine beste Leistung zeigen und besser abschneiden als bei der WM.“ Und es gilt, dafür an einigen Defiziten zu arbeiten.

Härtetest in Doha

Inwiefern sie diese Defizite bereits reduziert hat, erfährt sie erstmals beim Freiwasser-Weltcup in Doha (Katar) am 15. Februar. Der erste Härtetest des Jahres von nicht allzu vielen Härtetests, die noch folgen werden. Europameisterschaft in Budapest im Mai, vielleicht noch französische Meisterschaften. Das Programm der Berkhahn-Athleten ist vor allem auf Training ausgerichtet. Und darin ist es Wunrams Ziel, „die Grundgeschwindigkeit und die Schnelligkeit im Finish zu erhöhen“, berichtet sie.

Dafür geht sie auch in den Kraftraum, wenngleich ihre jüngsten Schulterprobleme ein individuelles und schonendes Programm erfordern. Dafür tankt sie Ausdauer. Dafür absolviert sie zudem derzeit ihre Einheiten mit einer kanadischen Gastschwimmerin. „Sie passt gut vom Tempo her. Und es ist gut, immer eine Athletin neben sich auf der Bahn zu haben“, erklärt Wunram. Und sie begibt sich weiterhin in die Sitzungen mit der Psychologin Christine Stucke.

Den Schmerz ausblenden

Denn im Freiwasser kann der Körper nicht alles allein bewältigen. „Auch psychisch muss man stark sein“, betont die 24-Jährige, die im Jahre 2013 bei den deutschen Meisterschaften ihren ersten Titel in der Elite über fünf Kilometer gewann und über die doppelte Distanz Zweite wurde.

So viel Erfahrung hat sie seither national wie international gesammelt. „Mittlerweile weiß ich, was auf mich zukommt“, sagt sie deshalb lächelnd. Und sie hat gelernt: „Es bringt nichts, einen Tritt oder einen Schlag zu bekommen und sich dann den Rest des Rennens darauf zu fokussieren“, erklärt Wunram, die sowieso meist die Außenbahn sucht, um sich von jeglichem Zoff im Pulk fernzuhalten.

Aber ihr derzeitiger Fokus auf Tokio hat sowieso nichts mit Schmerz zu tun. „Momentan verspüre ich eigentlich nur Vorfreude.“ Es ist zu vermuten, dass auch im Sommer 2020 viele Bilder von Finnia Wunram um die Welt gehen.