Magdeburg l Zur Hälfte des Wettkampfes hatte Christoph Harting seinem Magdeburger Kontrahenten einen Biss vom Energieriegel angeboten. Es war ja weder für den Berliner noch für Martin Wierig vom SCM bis dahin gut gelaufen. Olympiasieger Harting kam beim 14. Solecup in Schönebeck am Freitag mit 63,73 Metern nicht mal an die WM-Norm (65,00) heran. Im Gegensatz zu Wierig.

Der fünfte seiner sechs Versuche bescherte dem 31-jährigen Diskus-Hünen nämlich die Siegerweite von 66,04 Metern, den Sprung auf Rang eins in der nationalen Bestenliste, die WM-Norm. Aber erst mal kein Lächeln. Mit einem Kopfschütteln bedachte er selbst diesen Wurf, nachdem er viermal zuvor nur Ungültiges zustande gebracht hatte. Später erklärte er: „Es ist auch ein schönes Gefühl, wenn ein Wettkampf schlecht gelaufen ist und du am Ende trotzdem oben stehst. Das nehme ich als Schwung mit in die nächsten Wettbewerbe.“ Wie zu jenem nach Turnov (Tschechien) am morgigen Dienstag. Wie zu jenem nach Halle am 1. Juni.

Der Strom ist da

Wierig war mit seiner Technik nicht zufrieden. Auch nicht bei seinem weitesten Versuch: „Den treffe ich nicht gut, er geht zu weit nach links“, so Wierig. „Ich weiß, dass der Strom da ist, aber ich habe noch nicht gezeigt, was ich drauf habe.“

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Vielleicht war das zum Saisoneinstand auch gar nicht schlimm. 2018, als er die Europameisterschaft in Berlin verpasste, war er stark ins Jahr gestartet und musste dann einen großen Leistungsabfall konstatieren. „Da hatte sich eine Selbstzufriedenheit eingeschlichen, die einen Spannungsabfall mit sich brachte“, resümierte Wierig selbstkritisch. Damit war er aber nicht allein. Damit hat nicht nur er Trainer Armin Lemme zur Verzweiflung gebracht. Sondern auch David Wrobel und Anna Rüh.

Wrobel erreicht zum Einstand sein Ziel

Auch Wrobel will nun die Spannung halten, will nicht mehr einfach zufrieden sein. Er genießt dabei das große Vertrauen seiner Eileen. Die 27-jährige Gattin hatte vor dem Wettkampf in Schönebeck auf 66,30 Meter ihres Mannes getippt, während dieser verschnupft und mit gestauchtem Steißbein in den Ring ging. „Insgeheim war es mein Ziel, die Norm zu werfen, das habe ich geschafft“, sagte der 28-Jährige.

Mit 65,86 Metern belegte Wrobel Rang zwei und blieb nur zwölf Zentimeter unter seiner Bestmarke. „Ich hatte mir nach der letzten Saison viele Gedanken gemacht“, blickte Wrobel zurück. „Wir gehen jetzt im Training ganz anders ran, machen auch eine Pause, wenn der Körper sie braucht.“ Sein Körper lässt im Krafttraining inzwischen schwerere Gewichte zu. Die Grundlage für eine erfolgreiche Saison ist geschaffen.

Schwierige Saison für Rüh

Ist sie es auch bei Anna Rüh? Die 25-Jährige versucht optmistisch vorauszuschauen, klingt dabei aber eher pessimistisch. „Es wird eine schwierige Saison“, sagte sie – allein, weil sie sich bis zur Weltmeisterschaft in Doha (Katar/28. September bis 6. Oktober) überaus lange hinzieht. Rüh hatte sich ihr Wintertraining anders vorgestellt, hatte eine Zunahme des Körpergewichts von zehn Kilogramm geplant. Zwei sind es geworden. Die körperliche Konstitution lässt eben nicht mehr zu. Das ist ein Nachteil gegenüber der Konkurrenz, und die ist groß, „den ich nur mit einer sehr, sehr guten Technik kompensieren kann“, erklärte sie. Das ist ihr Schicksal. Aber es muss kein negatives sein.

Das Kribbeln ist nämlich da. „Der erste Wettkampf der Saison ist immer etwas Besonderes, aber diesmal war ich doch sehr aufgeregt“, sagte sie. „Das zeigt mir aber auch, dass mir mein Sport nicht egal ist.“

Kontinuierlich auf Leistung aufbauen

Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie sie abschneiden könnte. „Nach dem Trainingslager in Belek (Türkei/d. Red.) dachte ich, ich würde hier keine 60 Meter fabrizieren.“ Doch bei ihrem vierten Platz mit 61,50 Metern hat sie sogleich die WM-Norm (61,20) geknackt. Und dafür dankt sie nicht zuletzt der Osteopathin Susi Bauer, die es „hingekriegt hat, dass ich für den Wettbewerb die nötige Spritzigkeit hatte“. Ihr Ziel ist es nun, „nur nicht mehr schlechter zu werden, sondern kontinuierlich auf diese Leistung aufzubauen“. Denn: „Die Konkurrenz schläft nicht.“

Sie ist sogar sehr wach: In Schönebeck gewann Nadine Müller (Halle) im letzten Versuch mit 64,37 Metern vor Kristin Pudenz (Potsdam/64,32) und Claudine Vita (Neubrandenburg/63,84). Rechnet man Shanice Craft (Mannheim), die beim Solecup passen musste, noch dazu, wird es bei den Frauen eine der spannendsten WM-Qualifikationen der vergangenen Jahre. Anna Rüh blickt dazu voraus: „Ich möchte wieder oben dabei sein.“