Magdeburg l Philipp Syring steht beim gelegentlichen Training im Kraftraum des SSV Samswegen unter sehr scharfer Beobachtung. Nicht nur von Coach Otto Haase, nicht nur von Arnold Schwarzenegger, dem einstigen „Mister Universum“ unter allen Bodybuildern aus Österreich. Lauter nackte Frauen, zumeist blond und blauäugig, schauen ihm wie Herr Schwarzenegger von Postern an den Wänden ebenfalls dabei zu, wie er die Langhantel reißt und streckt oder sich mit dieser beugt. Aber diese Blicke sind Syring gerade völlig egal. Syring hat nämlich wieder Spaß am Rudern. Und Syring blickt selbst – nach vorn.

Nur rudert er nicht mehr im Skullbereich, nicht mehr im Einer, nicht mehr im Doppel- zweier oder -vierer. Der 23-Jährige vom SCM ist auf die Riemen-Disziplin umgestiegen. Nach seinem Olympia-Aus bei den Skullern „war ich natürlich erst in einem Tief und traurig. Aber dann wollte ich was Neues ausprobieren“, berichtet er.

Zwei verschenkte Jahre

Jetzt also rudert er erstens wieder unter seinem Heimtrainer Roland Oesemann und zweitens mit seinem Zweier-ohne-Steuermann-Partner Marc Kammann. Beide haben sich an der Polizeischule in Kienbaum vielleicht nicht gesucht, in jedem Fall aber gefunden.

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Hinter Syring liegen zwei harte Jahre. Und in der Nachbetrachtung verschenkte Jahre. Während der Deutsche Ruderverband (DRV) im November 2018 seinen männlichen Olympiakader in Hamburg versammelte, war Syring bereits im Januar zuvor in die Hansestadt gewechselt. Dass er sich nun vor zehn Monaten im Trainingslager eine Fußfraktur zugezogen hatte, mag auch ein Grund für sein Olympia-Aus gewesen sein. Aber vor allem: „Ich habe mich in Hamburg nicht entwickelt, sondern am Ergometer und im Kraftbereich sogar verschlechtert. Und dann muss man ehrlich zu sich sein und eine Entscheidung treffen.“

Bestzeit eingestellt

Syring hat sich für die Rückkehr nach Magdeburg entschieden: „Hier fühle ich mich einfach megawohl. Und die Leistungen sprechen auch für Magdeburg, obwohl wir weniger Training haben als die Konkurrenz.“ Aber er hat bereits am ersten Dezember-Sonnabend seine bisherige Bestzeit am Ergometer über 2000 Meter mit 5:45,7 Minuten eingestellt. „Normal ist die Zeit für Rekorde erst im April“, sagt er. Und er ist mit Kammann bei der anschließenden Langstrecke über 6000 Meter der Riemenkonkurrenz dicht auf die Fersen gefahren. 50 Sekunden trennte das Duo vom Sieger. „Das hat uns einen richtigen Motivationsschub gegeben.“

Der Trainingsrückstand beträgt sogar zirka 400 Kilometer, was aber allzu verständlich ist. „Marc und ich arbeiten acht, neun Stunden täglich, gehen dienstags und donnerstags rudern, sind ansonsten im Kraftraum und trainieren am Wochenende in unseren Heimatvereinen“, berichtet Syring. Kammann ist 22 Jahre, gebürtiger Berliner, lebt aber in Hamburg. „Er ist ein wirklich guter Riemenruderer“, sagt der 2,03-Meter-Hüne und ergänzt lachend: „Und er hat die Ausdauer, es mit mir auszuhalten.“

Herausforderung Technik

Kammann braucht Geduld. Denn Riemen ist nicht Skull. „Ich hatte mir den Wechsel schon ein bisschen leichter vorgestellt“, sagt Syring mit gequältem Lächeln. „Es ist eine komplett andere Technik, die ich verinnerlichen muss. Zumal ich nie über Technik, sondern immer über viele Kilometer gekommen bin.“

Beim Skullen öffnet er einfach seinen Körper in der Bewegung. Beim Riemen dreht er die Schulter zum Ruder ein und hält den Rücken dennoch grade. „Dabei das Gleichgewicht zu halten, ist das Schwierigste“, so Syring. Verliert er es, kann ihn auch sein Partner nicht retten. Das sensible System bricht zusammen.

Zwei Wahrheiten über das Boot

Das soll es aber nicht, nicht in der Saisonvorbereitung, nicht im März im italienischen Varese, wenn der DRV zum Olympia-Ausscheid im Zweier ohne bittet. „Daran dürfen wir teilnehmen“, berichtet Syring. Ob es doch noch für Tokio reicht, mag er nicht mal zu hoffen. „Wir können aber in drei Monaten noch eine ganze Menge rausholen aus unserem Potenzial.“

Er nennt dann zwei Wahrheiten über das Boot, die der Konkurrenz gefährlich werden können. Zum einen: „Wir haben richtig Bock aufs Rudern.“ Zum anderen: „Wir haben beide nichts zu verlieren.“