Magdeburg l Die Wege waren ihr durchaus bekannt. Der Weg zur Elbehalle, der Weg durch das Foyer zum Umkleidetrakt. Der Weg, der sie dann durch die Duschkabine in die Halle führt. Und wo sie seit dem 1. April jeden Tag zwei ebenso bekannte Gesichter erwarten. Jenes von Trainer Norbert Warnatzsch. Und jenes von Trainer Bernd Berkhahn. „Die Elbehalle ist kein Neuland für mich“, sagt Isabel Gose mit einem Lächeln. Jetzt taucht sie dort regelmäßig auf: als Schwimmerin des SCM.

Nun also doch Magdeburg. Ein Ziel, das sie allenfalls für einen Wettkampf in den vergangenen Jahren angesteuert hat. Aber kein Ziel, über das sie jemals hinsichtlich eines Wechsels nachgedacht hatte. Zumindest nicht vor der Corona-Krise, die dann schleichend die Gedanken der Isabel Gose neu sortierte. Die sie mitten in die Seele traf. „Der Wechsel hat in erster Linie familiäre Gründe“, berichtet sie. „In Heidelberg hat mir der Ruhepol gefehlt. Ich habe das große Bedürfnis verspürt, wieder nach Hause zu kommen.“ Und dann kam alles ganz plötzlich: „Dass der Wechsel so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber ich weiß, dass es die richtige Entscheidung ist.“

In einer WG mit der besten Freundin

Zu Hause ist sie Osterburg, seit ihre Eltern Peggy und Gerrit vor zwei Jahren mit Sohnemann Paul aus Berlin in ihre altmärkische Heimat zurückgekehrt sind. „Ich habe mich auch in Heidelberg sehr wohl gefühlt, aber mir hat es nicht mehr gereicht, mich für einen kurzen Besuch in Osterburg sechs Stunden in den Zug zu setzen“, sagt sie. Einfache Fahrt übrigens. Dreimal umsteigen mindestens. Zwei Jahre lang hat sie den Stress auf sich genommen, nachdem sie zunächst der Weg vom Potsdamer SV zum SV Nikar Heidelberg geführt hatte.

Der Wechsel nach Magdeburg hat noch einen weiteren schönen Nebeneffekt: „Meine beste Freundin trainiert auch beim SCM.“ Ihre beste Freundin heißt Pia-Sophie Berndt. Die jungen Damen haben nicht nur eine gemeinsame Vergangenheit in Potsdam, sie haben jetzt auch eine gemeinsame Zukunft in der Elbmetropole. Und sie haben selbstverständlich eine Wohngemeinschaft gegründet.

Berndt allerdings trainiert noch unter Stefan Döbler und damit im Perspektivkader des SCM. Gose, die deutsche Rekordlerin über die 400 Meter Freistil (3:58,91 Minuten) auf der kurzen Bahn, reiht sich in die Berkhahn-Riege mit den Spitzenschwimmern Franziska Hentke, Sarah Köhler oder Florian Wellbrock ein.

Landlauf mit Wunram

Und sie bestreitet das allseits „beliebte“ Landtraining mit Freiwasser-Athletin Finnia Wunram. „Wir gehen vor der Wassereinheit für circa 45 Minuten laufen durch Magdeburg, zum Beispiel an der Elbe entlang“, berichtet die 17-jährige Gose. Dabei hat sie bereits „schöne Ecken“ der Stadt entdeckt. Und den schönen werden Lieblingsecken folgen. Ganz sicher.

Wunram und Gose werden sich womöglich einige Male auch über die verlegten Sommerspiele in Tokio ausgetauscht haben. Beide müssen und wollen nun für das nächste Jahr ihr Glück schmieden. „Für mich war die Absage in diesem Jahr schon sehr schlimm“, sagt Gose. „Ich hatte lange auf diesen Traum hingearbeitet. Deshalb hat es sich wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt.“

Nicht nur, weil ihr Traum verlegt wurde. „Ich hatte eine tolle Kurzbahn-Saison“, auf die sie sich bereits nach dem Plan von Coach Berkhahn, zugleich der Bundestrainer, in der Sierra Nevada vorbereitet hatte und in der sie unter anderem die Silbermedaille über die 400 Meter Freistil bei der Europameisterschaft im schottischen Glasgow gewann.

72 Minuten bis Osterburg

Im Februar war sie wiederum „hochmotiviert ins Höhentrainingslager nach Spanien gefahren und hatte mich danach super gefühlt“, betont sie. Mit anderen Worten: Isabel Gose war in Top-Form und bereit, die Normen des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) für die Sommerspiele zu erfüllen.

Letztlich war der Schlag ins Gesicht zum Glück nicht hart genug, um Gose für längere Zeit außer Gefecht zu setzen. „Ich habe mich wieder aufgerappelt. Denn es ist ja nichts vorbei“, betont Gose. Sie hat nun zwölf Monate Zeit, ihre Top-Form weiter zu steigern, wenngleich es während der Corona-Krise zunächst allein darum geht, „die Grundlagen im athletischen Bereich aufrechtzuerhalten“, weiß die fünffache Junioren-Europameisterin des vergangenen Jahres auf der langen Bahn.

Und es geht zuweilen darum, einen Ruhepol zu finden, wenn sie die aktuelle Lage beunruhigen sollte. Dafür muss Isabel Gose nicht mehr ein Viertel des Tages im Zug sitzen. Denn von Magdeburg bis Osterburg benötigt die Bahn lediglich 72 Minuten. Einfache Fahrt. Ohne umzusteigen.