Magdeburg l Sollte jemals eine deutsche Athletin in die Reichweite ihres Rekordes kommen, ist Franziska Hentke womöglich schon ausgebildete Physiotherapeutin und verheiratet, hat zwei Kinder, lebt in einem Haus am See, stürzt sich im Sommer morgens in die Fluten. Vielleicht „schmettert“ sie dann noch, vielleicht krault sie auch nur. Denn dann, ja dann ist längst die Zeit vorbei, in der sie sich über eine schnelle erste und vierte Bahn und eine langsame zweite und dritte den Kopf zerbrochen oder in der sie ihre deutschen Meistertitel gezählt hat. Dann ist Hentke allenfalls noch die stille Beobachterin anderer Damen, die sich an ihrer nationalen Bestmarke die Arme und Beine müde schwimmen.

Diese Bestmarke steht bei 2:05,26 Minuten über 200 Meter Schmetterling, erzielt im Juli 2015. Und diese Zahlen klingen heute noch wie ein genüssliches Muschelrauschen in den Ohren. Das war einer dieser Tage, an denen vom ersten bis zum letzten Meter alles funktioniert hat. Damals im subtropischen Klima in einer Essener Halle, in der es heißer war als draußen bei hochsommerlichen 30 Grad im Schatten.

Hentke unzufrieden mit eigener Leistung

Dieser Juli wird eine dieser ewigen Erinnerungen bleiben an ihre Karriere, der sie jüngst ihren elften deutschen Meistertitel beigefügt hat. Der Titel selbst war ihr allerdings völlig egal. Sie wollte einfach schneller als im Finale der Weltmeisterschaft in Gwangju schwimmen. Schneller als 2:07,30 Minuten. Letztlich wurden es nur 2:08,47 Minuten. Und damit war Hentke natürlich nicht zufrieden. Ganz und gar nicht.

Gründe, davon mag es viele geben. Erklärungen, die sind dagegen schwierig. Besonders groß ist aber Hentkes Erstaunen darüber, mit welchen Zeiten über ihre Paradedistanz in Südkorea zum Sieg und aufs Podest geschwommen wurde.

Entwicklung im Schmetterling rückläufig

Boglarka Kapas (Ungarn) gewann dort mit 2:06,78 Minuten. Das hätte zwei Jahre zuvor gerade zu Platz fünf gereicht. Und über den aktuellen Weltrekord, den Liu Zige (China) 2009 und zur Zeit der Ganzkörper-Renn-anzüge mit 2:01,81 Minuten aufstellte, legt man lieber den Mantel des Schweigens. „Seit Jahren entwickelt sich das Schmetterling-Schwimmen über 200 Meter nicht mehr weiter. Im Gegenteil: Die Entwicklung ist sogar rückläufig“, sagt Hentke, die sich auch deshalb über ihren vierten WM-Platz ärgert. Zumal sie sich bis zu den Titelkämpfen 2017 in Budapest stets weiterentwickelt und dort in 2:05,37 Minuten Silber gewonnen hat. Ist „rückläufig“ also auch Hentkes Schicksal?

Sicher nicht. Das zeigen die Trainingsleistungen. In den Einheiten „schmettert“ sie sich bis hin zum Optimum. „Ich war zur WM körperlich topfit“, erklärt sie. Nur technisch offenbar nicht. Da hat es gehapert. Vor allem auf der zweiten und dritten Bahn im Endlauf von Gwangju, als sie zu langsam der Konkurrenz folgte. Detaillierte Zahlen der Protagonistinnen belegen das – aber es reicht schon der Vergleich zwischen ihren Finals 2017 und 2019:

▪ Finale Budapest: Erste 50 Meter: 28,51 Sekunden – Zweite 50: 32,16 – Dritte 50: 32,49 – Letzte 50: 32,23 – Zeit: 2:05,37 Minuten

▪ Finale Gwangju: Erste 50 Meter: 28,70 – Zweite 50: 32,84 – Dritte 50: 33,03 – Letzte 50: 32,73 – Zeit: 2:07,30 Minuten.

Hentke will Technik verbessern

Über die Gründe kann auch Hentke nur spekulieren. In den Wochen vor Südkorea gab Coach Bernd Berkhahn ihr immer wieder die Aufgabe, ergonomischer zu schwimmen, mehr mit den Armen zu arbeiten, mit einem flacheren Beinschlag zu agieren. „Das hat im Training gut funktioniert, aber ich konnte es im Wettkampf nicht über die gesamte Strecke umsetzen. Auch die Ellenbogenhaltung war nicht gut“, berichtet die 30-Jährige.

Diese technischen Defizite haben sie von Vorlauf über Halbfinale bis in den Endlauf womöglich zu sehr verunsichert. Und letztlich konnte sie diese mit einem kraftvollen und kämpferischen Endspurt nicht mehr kompensieren. Deshalb wurde sie eben beim langsamsten Finale seit der WM 2003 in Barcelona nur Vierte. Die Enttäuschung darüber schüttelt sie derzeit aus dem Badeanzug. Noch in den nächsten zwei Wochen sucht sie im Training weiterhin nach der Stabilität in ihrer Technik.

Vorfreude auf Profiliga

Allerdings: Selbst mit Defiziten schwimmt Franziska Hentke der nationalen Konkurrenz weit voraus. Schon seit Jahren. Auch 2019 wurde sie in Berlin nicht gefordert: Dort belegte Katrin Demler mit drei Sekunden Rückstand auf Hentke den zweiten Platz. Drei Sekunden auf 200 Meter – das sind tatsächlich keine Welten mehr, das sind Galaxien.

Hentke kann daran nichts ändern. Daran nämlich, „dass vielleicht andere keine Lust mehr haben, sich auf dieser schwierigen Strecke zu quälen, für die man sehr viel Ausdauer braucht“, erklärt sie. Genau deshalb freut sie sich, wenn sie in der Profiliga ISL ab Oktober Wettkämpfe gegen die international starke Konkurrenz absolvieren darf – wenngleich auf der Kurzbahn. „Jeder internationale Wettkampf bringt mich weiter“, sagt sie: „Vielleicht hatte ich davon in den vergangenen zwei Jahren zu wenige.“

Ab September Blick auf Tokio

Doch vor dem neuerlichen Reisestress folgt die Ruhe. Die Erholung auf Usedom. Womöglich liegt die Ostsee direkt vorm Hotel, um morgens gleich in die Fluten springen zu können. „Es wird aber ein Kurzurlaub“, sagt Hentke. Am 9. September beginnt schon die Vorbereitung auf die nächsten Sommerspiele.

Und für Hentke gilt jetzt erst recht das Motto: Kopf hoch, Olympia voraus! Es gibt auf keiner Bahn Zeit zu verlieren. Denn sie will am 30. Juli 2020 im Finale von Tokio stehen. Es wäre eine dieser ewigen Erinnerungen an ihre Karriere.