Nizza (dpa) - Als Tony Martin 2009 sein Debüt bei der Tour de France gab, hat er mal vom großen Triumph in Paris geträumt. Im Alter von 35 Jahren könnte dies nun wahr werden. Selbst wird er dieses Ziel zwar nicht erreichen, aber als Edelhelfer von Topfavorit Primoz Roglic kann er entscheidend sein.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Martin über das Corona-Maßnahmenpaket, die Sorgen eines Tour-Abbruchs und die sportliche Ausgangssituation. Der Routinier übt auch scharfe Kritik am Weltverband UCI.

Wie ist das Leben in der Radsport-Blase?

Tony Martin: Wir wurden viel präventiv getestet. Uns ging es sehr gut, auch beim Wettkampf. Das hat alles sehr gut funktioniert. Auch die Konzepte, die ausgearbeitet wurden. Ich würde sogar sagen, dass unser Leben vor Ort leichter war, weil wir weniger Aufgaben hatten, weniger Kontakt zu den Fans, was wir natürlich gerne machen, was aber auch Stress bedeutet. Die letzten Wochen waren relativ ruhig. Ich kann versichern, dass wir in einer Blase leben und sehr gut isoliert sind und dass die Risiken minimiert wurden.

Beim Team Bora-hansgrohe gab es einen Positivfall auf Corona, der zwei Tage später negativ war. Droht bei der Tour ein Test-Chaos?

Martin: Das ist zu befürchten. Die Tests scheinen ja nicht hundertprozentig zuverlässig zu sein. Das ist natürlich ein Ding, wenn wir unser ganzes Vertrauen auf diese Tests stützen, und dann stellen sie sich im Nachhinein als fehlerhaft raus. Es muss ja nicht nur sein, dass ein gesunder Fahrer positiv getestet wird. Es könnte ja auch ein kranker Fahrer negativ getestet werden.

Ist es generell zu streng, bei zwei Positiv-Tests innerhalb von sieben Tagen gleich die ganze Mannschaft auszuschließen?

Martin: Ich finde erstmal gut, dass bei zwei positiven Tests Maßnahmen getroffen werden. Die sollten aber nicht so streng und so gravierend sein. Man sollte Zwischenschritte einbauen. Bei zwei positiven Tests sollten die Alarmglocken angehen. Für mich stellt sich die Frage, wie kann man bei 30 Mann im Team zuverlässig Schnelltests durchführen. Es sollte möglich sein, über Nacht zu testen, um am Morgen ein 100 Prozent sicheres Ergebnis zu haben.

Ist es zu verantworten, dass Zuschauer bei der Tour am Straßenrand stehen?

Martin: Ich finde es kritisch. Ich bin kein Fachmann und kann nicht beurteilen, wie sich die 5000 Leute im Start- und Zielbereich aufteilen können. Für mich ist das erst einmal eine sehr hohe Zahl. Ich war sehr überrascht, als ich das gehört habe. Ich war immer ein Befürworter einer Tour ohne Zuschauer. Lieber eine Tour ohne Zuschauer als gar keine Tour. Das wurde von den Organisatoren sehr früh abgelehnt, was ich nicht verstehe. Die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag.

Haben Sie die Sorge, dass die Tour nicht bis zum Ende durchgezogen werden kann?

Martin: Auf jeden Fall. Die Sorge ist da. Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, dass jeder Tag der letzte sein kann. Das ist sehr schade.

Wie groß ist die Chance, dass Sie mit Ihrem Jumbo-Visma-Team die Dominanz der Ineos-Mannschaft brechen können?

Martin: Die Chancen sind sehr gut. Das hat sich im letzten Jahr abgezeichnet, dass wir immer näher gekommen sind. Und bei den letzten Wettkämpfen haben wir gezeigt, dass wir zu Ineos mindestens aufgeschlossen und andere Teams überholt haben. Wir sind uns der Sache nicht zu sicher. Aber man kann auch nicht tiefstapeln und sagen: 'Ineos ist der Topfavorit.' Die Rolle haben wir uns in den letzten Wochen ganz klar erfahren.

Ist Roglic aus Ihrer Sicht der Topfavorit auf den Sieg?

Martin: Ja, ganz klar. Frage: Was macht ihn so stark?

Antwort: Die Entwicklung ist verblüffend, aber auch erklärbar und nachvollziehbar. Wenn man ihn an Radsport-Jahren hochrechnet, dann wäre er jetzt ein U23-Fahrer oder Jungprofi. Er hat viel Potenzial, was in den nächsten Jahren noch dazukommen wird. Hier ist kein Ende der Fahnenstange erreicht. Vielleicht ist auch sein Vorteil, dass er nicht von Kindesbeinen an im Radsport war. Er bringt viel Erfahrung aus dem Skisprung mit, das ihn mental sehr stark macht. Sein größter Pluspunkt neben seinem begnadeten Körper ist seine Gelassenheit. Er baut sich äußerlich keinen Druck auf. Er hat Spaß am Radfahren, versucht das Beste zu geben und verkrampft dabei nicht.

Wie wird Ihre Rolle bei der Tour sein?

Martin: Ich werde der Mann für das Grobe sein, vorneweg fahren. Ich werde am Anfang die Kapitänsrolle mit übernehmen und schauen, dass das Feld unter Kontrolle ist. Ich werde viel Arbeit im Wind verrichten. Die erste Rennhälfte wird man mich viel vorne sehen.

Haben Sie eigene Ambitionen?

Martin: Nein. Ich hätte Ambitionen, aber ich kenne meine Rolle. Da muss jedes Korn auf Primoz konzentriert sein. Man wird mich relativ sicher nicht in einer Spitzengruppe sehen. Ich bin voller Vorfreude und Kampfgeist.

Sie sind 35 Jahre alt, werden Sie weitermachen?

Martin: Ja. Ich wollte das Frühjahr erstmal abwarten. Das ist zwar ins Wasser gefallen, aber ich konnte mir zu Hause Gedanken machen, was ich will und nicht will. Ich habe gemerkt, dass ich noch viel Freude am Radsport habe und Rennen zu fahren.

Können Sie sich eine Rolle wie Jens Voigt vorstellen, der bis ins hohe Sportler-Alter noch gefahren ist?

Martin: Körperlich sehe ich da keine Probleme. Für das, wofür ich gebraucht werde und was ich machen will, gehöre ich immer noch zur Weltklasse. Das würde ich auch in drei, vier, fünf Jahren noch so sehen. Das ist nicht so das Problem im Ausdauersport. Da ist eher die Frage, ob der mentale Part noch so mitmacht. Die Familie, das viele Reisen, die Stürze.

Apropos Stürze: Sind bei der Tour ähnliche schlimme Stürze wie in den letzten Wochen zu befürchten?

Martin: Das kann sein. Ich hoffe nicht, dass es so schlimme Stürze gibt. Aber eine Tour wird immer extrem nervös gefahren, weil so viel Druck und Prestige dahinter ist. Frage: Sind die Strecken gefährlicher geworden?

Es wird weniger nachgedacht. Eine Abfahrt, auf der zuletzt Kruijswijk und Buchmann (Anm.: bei der Dauphiné-Rundfahrt) gestürzt sind, habe ich so noch nie gesehen. Das war mutwillig, dass auf einer Straße mit solchen Schlaglöchern und Kies runtergefahren wird. Es wird mehr in Kauf genommen. Die Rennen werden aber auch aggressiver gefahren. Das Niveau der Fahrer nähert sich immer mehr an, es entscheiden nur wenige Prozentpunkte. Da kann auch mal eine Abfahrt den Unterschied machen. Es wird mehr aufs Messer gefahren.

Fühlen Sie sich vom Weltverband UCI im Stich gelassen?

Martin: Ja, ganz klar. Die UCI ist für unsere Gesundheit verantwortlich. Dazu gehört eine ordentliche Streckensicherung und eine entsprechende Besichtigung. Wenn die Straße grottenschlecht ist, kann man da nicht lang fahren. Da braucht es dann auch ein Bekenntnis zu uns Fahrern, und es muss gesagt werden: 'Hier geht es heute nicht lang.' Die UCI ist ein veralteter Verband, der mehr auf seine eigenen Interessen aus ist. Dem Geld verdienen wichtiger ist und das Einhalten von Regeln als eine Streckensicherung. Wir haben mehr Sanktionen wegen zu spätem Einschreiben oder dem Wegwerfen von Müll bekommen, was ich nicht schlecht reden will. Um solche Sachen wird sich aber mehr gekümmert als um die Sicherheit der Fahrer. Das kann nicht sein.

Es gab bei Jumbo-Visma im Vorjahr Wirbel um den Einsatz von Ketonpräparaten, die Ausdauersportlern mehr Leistung bringen sollen. Kommen diese auch in diesem Jahr zum Einsatz?

Martin: Es steht nicht auf der verbotenen Liste. Ich weiß nicht, ob es noch genommen wird, weil es sehr individuell ist. Es steht jedem Fahrer frei, es zu nehmen. Ich sehe es als fragwürdig an, dass so ein großes Theater um jede eingenommene Substanz gemacht wird, nur weil eine Mannschaft sehr schnell fährt.

Nehmen Sie Ketonpräparate?

Martin: Ich habe es mal probiert, aber es hat mir nicht wirklich etwas gebracht. Vielleicht würde ich es bei der Tour noch einmal probieren, da spreche ich mich nicht von frei. Ich nehme es nicht regelmäßig. Es ist ein Nahrungsergänzungsmittel. Es steht nicht auf der Verbotsliste. Jeder kann es erwerben. Wir haben da kein Monopol drauf. Zur Person: Tony Martin (35) gewann vier Mal den Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren. Bei der Tour de France ist er seit 2009 ununterbrochen dabei. In dieser Zeit gewann der Profi vom Jumbo-Visma-Team fünf Etappen und fuhr zwei Tage im Gelben Trikot.

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