1. Startseite
  2. >
  3. Deutschland & Welt
  4. >
  5. Wie spreche ich mit Kindern über Rassismus?

Diversität im Alltag Wie spreche ich mit Kindern über Rassismus?

Der Tod von George Floyd hat erneut eine Debatte um Rassismus und Gewalt gegen Schwarze entfacht. Wie können Eltern kindgerecht mit diesem Thema umgehen?

Von Interview: Julia Kirchner, dpa 04.06.2020, 11:00
Peter Kneffel
Peter Kneffel dpa

Berlin (dpa/tmn) - In den USA demonstrieren Tausende gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auf Instagram wurden am Dienstag komplett schwarze Bilder mit dem Kommentar #BlackoutTuesday gepostet, die Solidarität bekunden sollen.

Doch wie können Eltern über dieses allgegenwärtige Thema mit ihren Kindern sprechen? Und in welcher Form geben sie vielleicht selbst rassistische Haltungen im Alltag weiter?

Wissenschaftlerin Josephine Apraku plädiert im Interview mit dem dpa-Themendienst dafür, Kindern frühzeitig Diversität vorzuleben, in Form von Büchern und Spielsachen etwa. Gleichzeitig müssten Eltern aber auch selbst Stellung zu Rassismus beziehen - und eigene Meinungen mit der Familie immer wieder in Frage zu stellen.

Wie rede ich mit meinem Kind über die aktuellen Ereignisse in den USA, den Tod von George Floyd?

Josephine Apraku: Ich finde, man muss das Thema Rassismus gar nicht so stark an einem einzelnen Ereignis festmachen. Die Situation in den USA ist ja nicht einzigartig oder neu. Ein Mord ist da nur die Spitze des Eisbergs. Wichtig ist, meinem Kind gegenüber das Thema Rassismus insgesamt aufzugreifen - wozu die aktuelle Debatte natürlich ein Einstiegspunkt sein kann.

Wie viel verstehen kleine Kinder schon von Rassismus?

Apraku: Kinder nehmen schon sehr früh war, wo sie in einer Hierarchie stehen. Das heißt, ob sie zu einer privilegierten Gruppe gehören oder zur Gruppe derer, die unterdrückt werden. Das wissen sie spätestens ab der Grundschule. Kinder saugen wahnsinnig viel aus ihrer Umgebung auf, gucken sich Sachen von anderen ab, konsumieren Medien.

Kinder nehmen natürlich sehr früh äußere Merkmale an anderen wahr und auch deren Unterschiede. Das alleine ist aber nicht das Problem, sondern die Verknüpfung von äußeren Merkmalen mit einer Hierarchisierung von Gruppen. Zum Beispiel: "Das Kind ist schwarz, und deshalb habe ich Angst, mit ihm zu spielen." Diese Verknüpfung ist die Quintessenz von Rassismus.

Wie können Eltern auf so etwas reagieren?

Apraku: Wichtig ist, mit seinem Kind nicht nur über die Dinge zu reden. Entscheidend ist auch, was man ihm vorlebt. Wie viel Diversität zeige ich meinem Kind im Alltag? Es gibt auf Plattformen wie Tebalou zum Beispiel sehr viele Kinderbücher, in denen Diversität selbstverständlich dargestellt wird, aber auch diverses Spielzeug, Buntstifte in verschiedenen Hautfarben.

Was ist, wenn mein Kind aber nicht mit einer schwarzen Puppe spielen möchte, weil alle anderen die typische Puppe mit blauen Augen haben?

Apraku: Das Angebot ist das Wesentliche. Kinder können erst eine Auswahl treffen, wenn sie verschiedene Dinge vor sich haben. Dass bestimmte Spielsachen dann eine Zeit lang im Fokus stehen und häufiger genutzt werden, ist okay.

Aber es ist wichtig, dass Kinder People of Color auch in einem positiven Kontext sehen, zu dem sie einen direkten Bezug haben. Also zum Beispiel ein Kinderbuch, in dem es eine Schwarze Zahnärztin gibt.

Was sind alltagsrassistische Normen oder Handlungen, die in Familien oft unbewusst gelebt werden?

Apraku: Das können zum Beispiel Sprichworte wie "Bei denen sieht es aus wie bei den Hottentotten" sein, aber auch Reime mit dem N-Wort. Oder schwarze Menschen dafür zu beglückwünschen, dass sie so gut Deutsch sprechen.

Es ist viel grundlegender aber auch die Annahme, dass alle Menschen die gleichen Voraussetzungen haben, zum Beispiel den gleichen Zugang zu Bildung. Oder nicht darüber zu reden, dass Schwarze Kinder bei gleicher Leistung schlechter benotet werden.

Zur Person: Josephine Apraku leitet zusammen mit Jule Bönkost das Institut für diskriminierungsfreie Bildung in Berlin. Apraku ist weiterhin Afrikawissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Institut für diskriminierungsfreie Bildung

Tebalou

Lars Walther
Lars Walther
Lars Walther