Berlin (dpa) - Die Maske ist parat, der nächste Fan 1,50 Meter weit weg. Jede zweite Reihe in der beliebten Berliner Waldbühne am Donnerstagabend ist zwangs-leer. Alkohol gibt es nicht. Es gelten strenge Hygieneregeln für die Schlagerfans wegen der Corona-Pandemie.

Doch als Roland Kaiser auf der Bühne erscheint und eines der ersten Konzerte in Deutschland nach der Corona-Zwangspause beginnt, ist alles so wie in normalen Zeiten: Die Fans springen erlöst von den Sitzen, jubeln, singen, tanzen.

"Ich bin sowas von glücklich - ich hab Sie und Euch so vermisst - und meine Band auch", sagt Kaiser in seiner Geburtsstadt. "Wir feiern heute einen Wiederanfang. Lasst uns ein besonderes Konzert in einer besonderen Zeit zu einem einzigartigen Erlebnis machen!"

Wegen Corona gab es allerlei Einschränkungen: Die Fans konnten keine Einzeltickets kaufen - sondern nur je 2 oder 4 Karten. Nebeneinander sitzen durften aber nur Ehe- oder Lebenspartner oder Angehörige eines Haushalts. Auf dem gesamten Gelände galten 1,50-Abstands- und Maskenpflicht; außer am Sitzplatz.

Nur 5000 der rund 22 000 Plätze konnten daher besetzt werden. "Die Anzahl spielt in so einem Moment keine Rolle", sagte Kaiser vor dem Konzert dazu. Auf der Bühne ist es voll: 13 Band-Mitglieder, auch mit Abstand. Unter den Fans: Melissa aus Neustrelitz mit einer Freundin. "Ich wollte schon immer mal auf ein Roland-Kaiser-Konzert. Das Corona-Konzept hat mich überzeugt, deswegen bin ich hier", sagt sie.

Ob "Santa Maria" oder "Lieb mich ein letztes Mal": Kaiser hat wie immer viele alte Hits und ein neues Album mit - und jeder Ton sitzt. Auch ernste Worte zu gesellschaftlichen Entwicklungen sind bei dem Sänger keine Seltenheit. Diesmal mahnt der 68-Jährige: "Kultur ist kein Luxus. Es ist ein Grundbedürfnis!"

Denn auch wenn die Fans viel Spaß hatten, wie etwa eine Sächsin, die sich über den Platz zum Tanzen freute oder eine andere junge Frau, die es diesmal "sehr emotional" fand: Das Konzert war kein echter Neubeginn für die Branche, sondern nur ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Jüngst erst war das umstrittene Großkonzert im Düsseldorfer Fußballstadion, das für ?den 4. September? mit bis zu 13 000 Zuschauern geplant war, verschoben worden. In der Waldbühne gibt es derweil unter dem Motto "Back to live" noch in dieser Woche weitere Auftritte: am Freitag singt nochmal Kaiser, am Samstag Rapper Sido und am Sonntag Helge Schneider.

Aber: Wirtschaftlich seien diese Konzerte ein Kraftakt und "natürlich kein Zukunftsmodell", erklärte Semmel-Concert-Chef Dieter Semmelmann, einer der bedeutendsten Konzertveranstalter in Deutschland. "Nachdem monatelang gar keine Veranstaltungen durchgeführt werden durften, müssen wir nun bis Ende des Jahres Abstandsregeln einhalten, die jegliche wirtschaftliche Sinnhaftigkeit einer Veranstaltung von vornherein ausschließen." Die Konzertveranstalter müssten bis November Sicherheit haben, wie es weitergehe. "Sonst ist diese Branche platt."

Ob Schlager-, Pop-, Klassik-Konzerte oder Partys in Clubs: Der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands mit 130 Milliarden Euro Umsatz und einer Million direkt Beschäftigten stehe seit Beginn der Corona-Krise still, teilte das Bündnis "#AlarmstufeRot" - ein Zusammenschluss der mitgliederstärksten Initiativen, Verbände und Vereine - mit. Mit einer Demonstration um "fünf nach 12" will die Branche ?am kommenden Mittwoch? auf ihre Existenznöte wegen der Pandemie aufmerksam machen - in Berlin.

In Leipzig war kürzlich Pop-Star Tim Bendzko für ein Konzert-Experiment vor 1400 Freiwilligen aufgetreten. Forscher wollen herausfinden, wie Großveranstaltungen trotz Corona möglich sein können. Im Konzerthaus Dortmund gab es am Donnerstagabend das bundesweit erste große Chorkonzert seit Beginn der Pandemie - mit 90 Musikern und rund 700 Zuschauern. Doch für Organisatoren großer Open-Air-Events ist die Saison 2020 fast komplett ausgefallen: Mit dem Herbst samt kühler und dunkler Abende geht sie traditionell zu Ende.

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