Los Angeles (dpa) - Für Donald Trump ist die Sache mit den NFL-Einschaltquoten völlig klar. Spieler der National Football League protestieren während der Hymne gegen Rassismus und Polizeigewalt, der amerikanische Bürger möchte Sport und Politik nach Meinung des US-Präsidenten aber lieber trennen.

Deswegen waren die Werte der übertragenden Sender am ersten Spieltag schlechter als im Jahr zuvor. "Die Leute werden das nicht (nochmal) ertragen", schrieb Trump. So einfach ist es aber nicht. Und so geschlossen, wie etwa bei den Basketballern in der NBA, sind die Proteste gegen die soziale Ungerechtigkeit in der NFL auch gar nicht - Trumps beleidigter Kommentare auf Twitter zum Trotz.

Richtig ist, dass die Quoten für die landesweit übertragenen Begegnungen am Start-Sonntag nach Angaben von "The Hollywood Reporter" insgesamt mit im Schnitt 71,91 Millionen etwa drei Prozent niedriger waren, als die vergleichbaren Partien 2019. Das mit den Protesten und einer daraus resultierenden Ablehnung zu begründen, ist allerdings mindestens fragwürdig - zumal beispielsweise auch die Bundesliga nach der Corona-Pause schlechtere Quoten hatte.

Zur Wahrheit gehört zudem, dass das Spiel der Tampa Bay Buccaneers mit ihrem neuen Star Tom Brady gegen die New Orleans Saints am Sonntagnachmittag acht Prozent mehr Zuschauer hatte, als die vergleichbare Partie ein Jahr zuvor.

Die NFL ist die am stärksten in der amerikanischen Gesellschaft verankerte Sportliga des Landes. Was immer dort passiert, hat deswegen zwangsläufig eine größere Bedeutung als anderswo. Als Colin Kaepernick vor vier Jahren während der Nationalhymne auf ein Knie ging, anstatt wie üblich im Stehen die Hand auf die Brust zu legen, nannte Trump den damaligen Quarterback der San Francisco 49ers einen "Hurensohn" und forderte die Entlassung protestierender Spieler.

Trump war mit seiner Kritik damals bei weitem nicht alleine. Inzwischen aber hat sich das Verständnis für die Beweggründe und Absichten Kaepernicks gewandelt.

Seitdem das Land durch den Tod von George Floyd im Mai aufgerüttelt worden ist und Sportler aus allen Ecken deutlich wie nie Stellung gegen Rassismus bezogen haben, ist das Verhalten der NFL zudem verstärkt in den Fokus gerückt - und zog trotz aller gut gemeinten Gesten am ersten Spieltag auch Kritik nach sich.

In der NBA gehen die Teams, Schiedsrichter und Trainer vor jeder Begegnung geschlossen auf ein Knie während der Hymne. Von dieser Einigkeit war die NFL ein großes Stück entfernt. Manche Teams blieben für die Hymnen in der Kabine. Viele Spieler knieten. Viele Profis standen. In einigen Stadien trafen sich beide Mannschaften zu gemeinsamen Aktionen vor dem Anpfiff, die Seattle Seahawks und die Atlanta Falcons knieten nach dem Kickoff für einige Sekunden.

Gemeinsam haben alle Stadien, dass in den Endzonen "End Racism" (Beendet Rassismus) und "It takes all of us" (Es braucht uns alle) steht und ein Video gezeigt wurde mit protestierenden Spielern und vielen unterschiedlichen Menschen.

"Was die NFL macht, ist bestenfalls halbherzig. Sie nutzt eine unaufrichtige PR und setzt gleichzeitig die systematische Unterdrückung fort", schrieb etwa Eric Reid. Der Verteidiger war einer der ersten, der Kaepernick in seinem Protest unterstützte und ist derzeit wie sein Ex-Teamkollege ohne Vertrag.

Dass Szenen von Kaepernicks Protest in dem Video auftauchen, aber noch immer kein Team bereit ist, dem inzwischen 32-Jährigen einen Vertrag zu geben, verärgert Reid. Kaepernick wiederum kritisierte, dass sein loyaler Freund trotz einer starken vergangenen Saison keine neues Team gefunden hat.

Die NFL hat trotz aller Fortschritte noch einen langen Weg vor sich, bis ihr jeder den vereinten Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten abnimmt. Dass sie die Macht und Reichweite hätte, in den Köpfen vieler Amerikaner zumindest einen Prozess anzustoßen, weiß aber auch Trump. Und verunglimpft die Liga, deren pünktlicher Start in der Corona-Krise ihm noch im Frühjahr so wichtig war, lieber schon mal vorsorglich: "Das ist es einfach nicht wert", schrieb er.

© dpa-infocom, dpa:200918-99-611172/3

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Jakob Johnson bei den Patriots

St. Brown bei den Packers

Nzeocha bei den 49ers

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