Kanzlerkandidaten

„Wahlkampf war schon immer schmutzig“

Michael Böcher, Politikwissenschaftler von der Uni Magdeburg, erklärt im Interview warum die Grünen mit Attacken auf Annalena Baerbock leben müssen.

Von Tom Szyja
Die drei Kanzler-Kandidaten Annalena Baerbock (Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD, von links nach rechts),bei einem von mehreren TV-Auftritten vor der Bundestagswahl 2021.
Die drei Kanzler-Kandidaten Annalena Baerbock (Die Grünen), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD, von links nach rechts),bei einem von mehreren TV-Auftritten vor der Bundestagswahl 2021. dpa

Spätestens mit der Kandidatenkür von den Grünen und der CDU hat der Wahlkampf so richtig begonnen. Was für einen Bundestagswahlkampf erleben wir zurzeit?

Michael Böcher: Der Wahlkampf hat sich über die letzten Jahre immer mehr professionalisiert und personalisiert. Soziale Medien werden stärker genutzt. Außerdem werden die Personen, die Kanzlerkandidaten, immer wichtiger und Inhalte rücken eher in den Hintergrund.

Die Grünen um ihre Spitzenkandidatin Annalena Baerbock stehen besonders im Fokus. Es gab Vorwürfe, dass die Grünen härter angegangen werden, als andere Parteien. Teilen Sie diesen Vorwurf?

In dieser Pauschalität ist er nicht berechtigt. Es gibt mehrere Gründe, warum die Grünen aktuell mit mehr Gegenwind als andere zu kämpfen haben. Sie haben zum ersten Mal eine eigene Kanzlerkandidatin aufgestellt. Zudem hatten sie zu Beginn des Wahlkampfes starke Umfragewerte. Dies hat dazu geführt, dass die CDU sie erstmals als ernsthafte Konkurrenz ansieht. Wenn man es als Kampagne bezeichnen möchte, ist es eine Kampagne gegen die Grünen als Partei. Allerdings repräsentiert Annalena Baerbock personell die Grünen im Wahlkampf und wird daher zum Ziel von Kritik. Die diesjährige Wahl bringt zudem die Besonderheit mit sich, dass es keinen Amtsbonus gibt. Das heißt, dass sich die CDU nicht so sicher wie bisher sein kann, den Kanzler zu stellen.

Sehen Sie beim aktuellen Bundestagswahlkampf Parallelen zu US-Wahlkämpfen?

Auf jeden Fall. Ich würde sogar von einer Amerikanisierung des Wahlkampfes sprechen. Bei der Wahl 2017 wurden für Martin Schulz zum Beispiel extra Pappschilder angefertigt, wie man sie aus den US-Wahlkämpfen kennt. So etwas gab es früher nicht. Oder nehmen sie die TV-Duelle. In den USA haben sie eine lange Tradition und werden seit den 1960er Jahren ausgetragen. In Deutschland gab es das erste vor den Wahlen 2002 zwischen Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CDU/CSU). Man kann also festhalten, dass amerikanische Trends mit einer Zeitverzögerung zu uns überschwappen.

Einige Politiker kritisierten zuletzt, dass in diesem Wahlkampf mit härteren Bandagen als in der Vergangenheit gekämpft wird. Teilen Sie diesen Vorwurf?

Absolut nicht. Wahlkämpfe waren schon immer schmutzig. Schon im Wahlkampf 1961 wurde Willy Brandt von seinen Gegnern diffamiert, die CDU machte Brandts Herkunft als unehelicher Sohn zum Thema. 1980 gab es im Wahlkampf zwischen Franz Josef Strauß (CSU) und Helmut Schmidt (SPD) ebenfalls viele Beispiele des „Negative Campaignings“ (Das bewusste Schlechtreden des Gegenübers, d. Red.) Das ist also kein modernes Phänomen von Wahlkämpfen.

Michael Böcher
Michael Böcher
Michael Böcher, OVGU Magdeburg

Der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sagte jüngst, dass Frauen in der Politik anders behandelt werden als Männer. Sehen Sie im aktuellen Wahlkampf eine härtere Gangart gegen Frau Baerbock als gegen die männlichen Kandidaten?

Auch diesen Vorwurf kann ich so pauschal nicht teilen. Beispielsweise wurde 2001 Klaus Wowereit (SPD) im Wahlkampf um das Amt des Berliner Regierenden Bürgermeisters sein Outing als Homosexueller zum Vorwurf gemacht. Generell gilt, dass Spitzenpolitiker, gleich welchen Geschlechts, ein „dickes Fell“ haben müssen. Annalena Baerbock musste sexualisierte Angriffe ertragen, als Fake-Nacktfotos von ihr im Netz verbreitet wurden. In den sozialen Medien gibt es, gerade bei jungen Politikerinnen, mehr sexualisierte und geschlechtsbezogene Kommentare, als bei männlichen Politikern. Das scheint mir ein Unterschied zu sein.

Würden Sie sich persönlich wünschen, dass inhaltliche Themen eine größere Rolle spielen?

Die Parteien denken, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger nicht ausgiebig mit allen Details der Wahlprogramme auseinandersetzen und setzen auf einen stark personalisierten Wahlkampf. Und die Bürger wollen entscheiden, von welcher Person sie sich regieren lassen. Ich persönlich würde mir schon wünschen und gehe davon aus, dass nun Inhalte auf der Zielgeraden des Wahlkampfes eine größere Rolle spielen. Große Themen gibt es ja genug ...

Sie spielen sicher auf die Klimakrise an?

Das wäre ein Beispiel. Aber auch die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei und ein aktuell großes Thema. Hier könnte es sein, dass die CDU vor der Wahl profitiert, weil sie aktuell in der Regierungsverantwortung ist und sich die Menschen in der Corona-Krise vor allem Sicherheit ohne zu viel Wandel wünschen. Für die Grünen wird es entscheidend sein, wie sie das Thema Klimaschutz stark machen und mit sozialen Aspekten glaubhaft verbinden können.

Lassen Sie uns einen Blick auf den Wahltag werfen. In den letzten Jahren fiel mit Blick auf die jüngere Generation schnell das Wort „Politikverdrossenheit“. Halten Sie diesen Begriff noch für zeitgemäß?

Nein, das politische Interesse in der jungen Generation ist auf jeden Fall vorhanden. Die Form der politischen Partizipation ist nur oft eine andere. Mussten sich Jungpolitiker früher noch auf „Ochsentouren“ in den Parteigremien hocharbeiten, wählen junge, politisch Interessierte heute andere Wege. Das sehen sie zum Beispiel an „Fridays for Future“.

In dem Zusammenhang wurde zuletzt über die Herabsenkung des Wahlalters diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Die gesellschaftliche Debatte darum wird uns sicherlich noch eine Weile verfolgen. In einigen Bundesländern ist ja heute schon die Landtagswahl ab 16 Jahren möglich. Das Wahlalter wurde schon einmal von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Diskutiert wird hier, ob die politische Reife mit 16 schon gegeben ist und ob sichergestellt werden kann, dass 16-Jährige unbeeinflusst von ihren Eltern wählen können. Ich selbst befürworte eine Herabsenkung des Wahlalters.

Kommen wir zurück zum Wahlkampf. Was erwarten Sie in den kommenden Wochen bis zum 26. September?

Das Kreuzfeuer, dem sich die Grünen-Spitzenkandidatin aktuell ausgesetzt sieht, wird irgendwann abgeflaut sein. Wir werden sicher noch einige thematische Debatten erleben, die Personalisierung des Wahlkampfes wird jedoch nicht gänzlich verschwinden.