DDR-Geschichte

Wollte Honecker die Föderation mit der BRD?

Berlin

Die DDR wäre dann erst einmal DDR geblieben und die BRD die BRD, sagt der Vorsitzende der Fraktion der Linken im saarländischen Landtag und ehemalige Bundesvorsitzende der Linkspartei: „Aber die DDR hätte sich dann Schritt für Schritt transformiert.“

Honecker, der vor 50 Jahren an die Spitze von SED und DDR trat, gilt heute als der Mann, der die DDR taten- und ideenlos untergehen ließ.

Der Historiker und Honecker-Biograf Martin Sabrow, Direktor des Potsdamer Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), sieht das anders. Honecker habe „noch eine Karte im Spiel“ geglaubt, erklärt Sabrow: Einen Wahlsieg das damaligen SPD-Manns Lafontaine über den CDU-Kanzler Helmut Kohl, wonach es in den Umfragen lange aussah.

Mit dem neuen Kanzler, so Honeckers vage Hoffnung, hätte er dann eine Föderation von BRD und DDR anstreben können. Schon seit Mitte der 80er Jahre waren Honecker und Lafontaine, damals SPD-Ministerpräsident des Saarlands, demnach miteinander im Gespräch. „Er war ja auch Saarländer, das hat vieles erleichtert“, erzählt Lafontaine. Zunächst sei es darum gegangen, dass die DDR Stahl und Wein von der Saar kaufte, später um Städtepartnerschaften, Kultur-, Sport- und Jugendaustausch sowie um Familienzusammenführungen.

Er war ja auch Saarländer, das hat vieles erleichtert.

Oskar Lafontaine

Das habe auch gut geklappt. Später sei es darum gegangen, wie es nach der Bundestagswahl 1990 hätte weitergehen können. Allzu konkret seien die Gespräche aber nicht gewesen, sagt Lafontaine. Am 3. Mai 1971 hatte das Zentralkomitee der SED Walter Ulbricht von seinem Amt als Erster Sekretär entbunden. Honecker wurde der neue starke Mann der DDR – und das weckte Hoffnungen. „Honecker verkörperte so etwas wie jugendliche Begeisterung“, sagt Sabrow. Nicht nur deshalb, weil er als Gründungsvorsitzender die staatliche Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) geleitet hatte.

Der neue Mann versprach soziale Wohltaten und mehr Wohnungen. Er sorgte dafür, dass die jungen DDR-Bürger Jeans kaufen konnten. Ulbricht hatte Westfernsehen strikt abgelehnt. Honecker bemerkte achselzuckend: „Das kann bei uns jeder ein- und ausschalten.“

Aber ebenso wenig wie Honecker am Ende seiner Amtszeit ein untätiger Greis war, war er zu Beginn ein Hoffnungsträger. Ulbricht hatte erlebt, dass Honecker nicht der liebe Genosse Erich war, sondern eine eiserne Faust besaß. Denn der Kreml hatte Ulbricht auch auf Betreiben Honeckers fallengelassen. Ulbricht habe die DDR für den Geschmack Moskaus zu eigenständig machen wollen, vor allem in der Außen- und Deutschlandpolitik, erläutert Ilko-Sascha Kowalzcuk, Historiker beim Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin: „Ulbricht war der Reformer, Ziehsohn Honecker der Ausbremser und Reaktionär.

Wie auch immer: Die Idee einer Föderation von BRD und DDR erledigte sich, weil dem ostdeutschen Staat viel weniger Zeit blieb, als Honecker und viele andere sich vorstellen konnten. „Für Honecker mochte sie eine ernsthafte Zukunftsoption dargestellt haben“, so sieht es Historiker Sabrow: „Rückblickend scheint sie absurd.“ (epd)