Magdeburg l Björn Rother schaut ganz genau hin, wenn der Schiedsrichter für die Partie des 1. FC Magdeburg am Sonnabend beim SV Darmstadt bekanntgegeben wird. Dieses Interesse am Unparteiischen hat einen Grund. Rother hat auf dem Rasen mit seinen Emotionen zu kämpfen. In der vergangenen Saison kassierte er zwölf Gelbe Karten, in dieser Spielzeit sind es bisher vier. Häufig bekommt der Schiedsrichter seinen Unmut zu spüren. „Da muss ich mich verbessern, das weiß ich auch“, sagt er selbstkritisch.

Rother schaut Schiri-Dokus

Rother versucht deshalb, sich besser in einen Referee hineinzuversetzen. Mit Hilfe von Videos. „Ich habe mir viele Youtube-Dokumentationen angeschaut. Dort ging es vor allem um unterklassige Schiedsrichter, die von Spielern auf dem Platz bedrängt wurden.“ Auch die Dokumentation „Referees at Work“, in der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter wie Howard Webb begleitet werden, stand auf der Liste. „Ich habe mir gedacht, dass ich manchmal auch nicht anders bin“, erzählt er. Und: „Ich will die Sichtweise der Schiedsrichter besser verstehen. Ich versuche, etwas ruhiger zu werden, will weniger Gelbe Karten kassieren.“

FCM-Star ist irre nervös

Dass Rother auf dem Rasen emotional ist, ist nicht neu. „Das war schon als Kind so. Früher war ich vor dem Spiel sehr nervös, auf dem Platz dann aggressiv“, erzählt er. Diese Nervosität war selbst im Alter von zwölf Jahren noch so groß, dass er manchmal erst auf den Platz kam, als die Partie schon angepfiffen war. „Meine Mannschaft musste einige Minuten in Unterzahl spielen.“ Mit Hilfe seiner Oma bekam er das Problem aber in den Griff. „Sie war bei den Spielen immer dabei und hat mich beruhigt. Das hat mir geholfen“, erzählt er. Auch Rothers Jugendtrainer bei Hertha Walheim hatte einen großen Anteil: „Er hat mir Spaß am Spiel vermittelt, damit ich nicht so verbissen bin.“

Rituale vor den FCM-Spielen

Mittlerweile hat Rother beim FCM vor dem Spiel einen festen Ablauf, um die Nervosität in den Griff zu bekommen. „Kurz bevor wir auf den Rasen gehen, setze ich mich in der Kabine auf meinen Platz, schaue nach unten und mache die Augen zu. Ich denke darüber nach, was ich in dem Spiel von mir erwarte, mache mir Mut“, erklärt der 22-Jährige.

Trotz aller Entspannungsversuche geht Rother während der 90 Minuten aber oft über die Schmerzgrenze hinaus – bei sich und seinen Gegenspielern. „Ich habe meinen Freunden anfangs gesagt, dass sie sich nicht über mich wundern sollen“, sagt er. Aber: „Mein Spiel lebt nun mal von Emotionen. Wenn ich mich ärgere, kann es schon mal sein, dass ich gegen eine Tür trete oder alles beleidige, was sich bewegt. Ich darf eben nur nicht überdrehen.“

Nach einem Spiel, vor allem nach Niederlagen, kann der defensive Mittelfeldspieler nur schwer abschalten. Zu sehr ärgert er sich über misslungene Szenen. „Ich bin dann so sauer und genervt, dass ich erst mal nichts hören und sehen will. Ich gucke mir dann irgendwelche Streaming-Serien an“, sagt der Spieler mit der Rückennummer 6. Auf der Rückfahrt aus Heidenheim schaute er nach dem 0:3 etliche Folgen der Science-Fiction-Mysteryserie „Stranger Things“. „Die Ablenkung vom Fußball war bitter nötig“, erzählt er und lacht.

Rother trennt ganz klar zwischen dem Leben auf und neben dem Platz. Halt und Ruhe findet er bei seiner Freundin, seiner Familie und seinen Freunden. „Es ist wichtig, dass ich einen Ausgleich habe. Ich kann ja nicht immer mit einem Puls von 180 rumlaufen. Abseits des Platzes bin ich deutlich ruhiger geworden, gehe viel spazieren“, sagt er.

Rother telefoniert täglich mit Eltern

Wenn es die Zeit zulässt, fährt er gerne in die Heimat nach Stolberg nahe Aachen. Die Beziehung zu seinen Eltern ist sehr eng. „Wir telefonieren jeden Tag, auch wenn es manchmal nur zwei Minuten sind. Das ist mir wichtig“, sagt er. Und: „Ich bin gerne zu Hause, das erdet mich. Ich würde dort auch nie arrogant auftreten. Das würden meine Freunde auch gar nicht zulassen. Denen ist egal, dass ich in der 2. Bundesliga spiele.“

FCM reist zu Darmstadt 98

Auch am Sonnabend in Darmstadt wird der eine oder andere Freund live dabei sein, um ihn zu unterstützen. Es könnte schließlich eine Björn-Rother-Partie werden. Denn: „Darmstadt spielt häufig lang nach vorne. Die zweiten Bälle werden im Mittelfeld hart umkämpft sein.“

Rother, ganz der Antreiber auf dem Rasen, ist bereit: „Wir haben mit Darmstadt nach dem 0:1 im DFB-Pokal noch eine Rechnung offen.“