Calvörde l "Wir hatten die Hoffnung, dass die Schildkröte jemals wieder auftaucht, schon längst verloren. Jetzt ist sie wieder da. Und wir sind natürlich überglücklich", erzählt Hildrun Ropel und streichelt ihr über den Kopf. Darius Becker, Freund der Familie, lässt die betagte Dame nicht aus den Augen. Erst frisst sie genüsslich Löwenzahn und einen Moment später ist die eigenwillige Dame namens Schildy schon wieder flott unterwegs und versucht, unter dem Gartenzaun durchzukommen. "Sie ist und bleibt eine Ausreißerin. Sie hat richtig Kraft und ist eine Kämpferin", sagt Darius.

Schildy hat schon wenigstens 20 Jahre auf dem Buckel oder besser gesagt auf dem Panzer. In Calvörde war das Reptil eigentlich nur zu Besuch. "Meine Tochter Sarah und ihr Mann Steven wohnen in Koblenz. Wir hatten für Schildy ein Gehege in unserem Garten gebaut. Doch irgendwie konnte sie entwischen", erinnert sich Hildrun Ropel. Die ganze Familie samt Nachbarn und Freunden starteten damals eine Suchaktion. Als diese vergeblich war, hängten Ropels überall im Ort Steckbriefe mit einem Foto aus.

Neun Monate lang war Schildy verschwunden. Doch dann steckte ein Zettel mit der Aufschrift "Ich habe ihre Schildkröte gefunden" im Postkasten der Familie Ropel. Und tatsächlich war es die Ausreißerin. Beim Spaziergang mit ihrem Hund hatte Ines Reinecke die Gepanzerte in Ropels Garten entdeckt. Erst dachte die Spaziergängerin, Schildy wäre aus Plastik und nur Dekoration. Doch dann bewegte sich das Schmuckstück. Ines Reinecke konnte sich noch gut an die Suchplakate erinnern. Weil bei Ropels gerade niemand zu Hause war, nahm die Finderin das Reptil mit zu sich.

Familie Ropel ist nun froh, das verlorene Familienmitglied wieder zu haben. "Schildy hatte also den Garten gar nicht verlassen. Dabei hatte mein Schwiegersohn sogar noch mal den Rasen gemäht. Wir hatten alles abgesucht", erinnert sich Hildrun Ropel.

Auch Nachbar Reinhard Rücker konnte es kaum glauben, dass die Schildkröte wieder da ist. Auch er suchte damals mit. Schildy hatte sich nur wenige Meter von ihrem Fluchtort etwa 30 Zentimeter tief in die Erde eingegraben. "Dort hat sie wahrscheinlich Winterschlaf gehalten", vermutet Rücker. Kaum fassen kann es die Familie, dass Schildy den langen harten Winter überlebt hat. "Wir haben das Tier gewogen. Die Schildkröte wiegt immer noch - genau wie vor ihrem Verschwinden - 1400 Gramm", wundert sich Hildrun Ropel. Wie alt Schildy wirklich ist, weiß niemand so genau. "Mein Schwiegersohn hatte die Rumtreiberin vor zwölf Jahren bei einem Fahrradausflug bei Koblenz gefunden. Sie ist mehr als nur ein Haustier. Sie gehört zur Familie", sagt die Calvörderin und erzählt, dass Schildy in einem unbeobachteten Moment auch schon einmal vom Balkon gefallen war. Aber außer einem kleinen Riss im Panzer blieb sie auch damals unbeschadet.

Um weitere Fluchtversuche zu verhindern, kümmert sich Darius um sie. Nachts bleibt Schildy in der Waschküche. Zur Familienzusammenführung bringen Ropels Schildy am Wochenende wieder in ihr Heim nach Koblenz.

"Die Urlauberin geht nach neun Monaten wieder zurück in die Heimat", freut sich Hildrun Ropel und blickt voraus: "Nun kann unser eineinhalbjähriger Enkel Ole doch noch mit der Schildkröte aufwachsen."

April 2013

 

Bilder