Prag (dpa) - Es nieselt leicht auf dem Friedhof im Prager Stadtteil Smichov. Auf dem Boden liegen die ersten Herbstblätter. Vor dem Grab des Sängers Karel Gott stehen frische Sonnenblumen und rote Rosen. Immer wieder schauen mal jüngere, mal ältere Paare vorbei. Sie halten kurz inne, zünden eine Kerze an.

Karel Gott bleibt in Tschechien auch nach seinem Tod unvergessen. Vor einem Jahr, am 1. Oktober 2019, war der Sänger von Hits wie "Lady Carneval" und "Biene Maja" im Alter von 80 Jahren gestorben.

"Wir hatten ihn sehr gern", sagt eine Frau, die hier mit ihrem Mann Halt macht. Zu Hause haben sie viele Schallplatten des Künstlers, der mehr als 60 Jahre auf der Bühne stand. Gemeinsam sind sie auf zahlreiche Konzerte des Schlagersängers gegangen - "wenn es Karten gab, das war immer das größte Problem", sagt sie. Ihr Lieblingslied: Eine Coverversion des Gospellieds "Amazing Grace". Es wurde vor einem Jahr auch zum Abschluss der Trauermesse für Karel Gott im Prager Veitsdom gespielt.

Viele der reich ausgestatteten Gräber im Umkreis stammen noch aus den Zeiten der Habsburgermonarchie. Sie erinnern an Hochschulprofessoren, Verleger, Finanzbeamte, Hoteliers, Polizeikommissare. Ein Beruf steht nicht auf Karel Gotts Grabstein - jeder hier kennt den dutzendfachen Gewinner des Musikwettbewerbs "Goldene Nachtigall". Hoch oben auf den tiefschwarzen Stein hat jemand einen kleinen gelben Vogel aus Ton gesetzt - ein fröhlicher Kontrast.

Mit seiner Stimme und seiner Ausstrahlung war Karel Gott, am 14. Juli 1939 in Pilsen (Plzen) geboren, in vielen Ländern erfolgreich. Er sang nicht nur auf Tschechisch und Slowakisch, sondern auch auf Deutsch, Englisch, Russisch und Italienisch. Rund 2500 Lieder nahm er auf, die sich millionenfach verkauften. Während die einen seine "Babicka" (Großmutter) liebten, tanzten andere zu russischen Volksliedern oder 80er-Jahre-Discoklängen.

Karel Gotts Bewunderer sind treu: Sein ältester Prager Fanklub trifft sich weiter regelmäßig im Café "Cas" (Zeit), nur wenige Schritte von der Karlsbrücke entfernt. Karel Gott hätte nicht gewollt, dass man traurig ist, sagt dessen Gründerin und Vorsitzende Alena Hajkova. "Er war ein fröhlicher Mensch, er hat gerne Witze erzählt, er war sehr kommunikativ", sagt sie.

Wenn es die Zeit erlaubte, kam Karel Gott auch selbst bei den Treffen vorbei, ohne Starallüren. "Er mochte seine Fans", sagt Hajkova. "Er war sich bewusst, dass er es selbst mit seiner göttlichen Stimme ohne sie nie so weit gebracht hätte." Zuletzt besuchte er den Fanklub im November 2018 - die Dokumentarfilmerin Olga Malirova-Spatova hielt das Treffen fest.

Ihr Film "Karel" wird in Tschechien mit Spannung erwartet. Er sollte ursprünglich am 1. Oktober in die Kinos kommen, doch die Premierenfeier wurde um zwei Wochen verschoben. Der Grund: Karel Gotts Witwe Ivana ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. "Sie möchte rücksichtsvoll sein und keine Übertragung auf andere Menschen riskieren", erklärte ihre Sprecherin. Neben seiner Frau hinterließ Gott auch zwei junge Töchter. Eine Tochter aus einer früheren Beziehung hatte ihn bereits zum Großvater gemacht.

Ihr Mann sei immer ein "Überbringer guter Nachrichten" gewesen, schrieb Ivana in den sozialen Medien: "Ich spüre, dass unser Film besonders in diesen schwierigen Zeiten eine Ermunterung und Inspiration sein kann, denn er ist voller Energie und Freude an der Musik." Mehrere andere enge Weggefährten wollten sich so kurz vor dem ersten Todestag Karel Gotts nicht zu ihren Erinnerungen äußern. Sie ließen wissen: "Der Schmerz ist noch zu groß."

Welche Bedeutung Karel Gott als kultureller Botschafter für Tschechien hatte, wird sich noch einmal eindrücklich am 28. Oktober, dem Nationalfeiertag, zeigen. Präsident Milos Zeman will dem Künstler dann posthum den Orden des Weißen Löwen verleihen - die höchste staatliche Auszeichnung.

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