Berlin (dpa) - Wer Freude an Sprachwitz im verblüffenden Wechsel zwischen Komik und tiefem Ernst hat, sollte sich Andrej Platonow auf keinen Fall entgehen lassen.

"Sambikins Eingeweide gluckerten vom Krach seiner erhabenen Erfindungen", schreibt der 1951 verfemt gestorbene und danach fast vergessene russische Autor über einen jungen Chirurgen im Moskau der frühen 30er Jahre. Sambikin will unablässig seinen Beitrag zum Aufbau des Sozialismus steigern. Zugleich aber erfüllt ihn noch unabweisbarer der brennende Wunsch nach körperlicher Vereinigung mit Moskwa Tschesnowa, der für alle Männer unwiderstehlich anziehenden, aber selbst auf das Leben viel umfassender unstillbar neugierigen Titelfigur des vorletzten Romans von Platonow.

Mit "Die glückliche Moskwa" setzt der Suhrkamp Verlag die Neuvorstellung dieses genialen Wortkünstlers, prophetisch klaren Darstellers und dabei gläubigen Anhängers einer pervers gescheiterten Revolution fort. Fast gleichzeitig bringt nun der kleine Berliner Quintus-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung den 1935 unmittelbar nach dem Moskwa-Roman von Platonow in Angriff genommenen Roman "Dshan" zusammen mit Essays, Briefen und kürzeren Prosatexten heraus.

Zurecht hymnisch lobte die Kritik vor zwei Jahren Gabriele Leupolds Neuübersetzung des surrealistisch finsteren und zugleich komischen Erstlings "Die Baugrube". Zigtausende Sowjetbürger heben diese Grube voller Zukunftsgläubigkeit aus und haben keinen Schimmer, dass sie in Wirklichkeit ihr eigenes Massengrab schaufeln. Ausgedacht hat sich das Platonow ein halbes Jahrzehnt vor dem Höhepunkt des großen Stalin-Terrors 1936 bis 1938 mit Millionen Toten. Dieser Terror brachte Platonows Sohn als 15-Jährigen in den Gulag und als jungen Mann ums Leben.

Die "Baugrube" und der genauso wilde Roman "Tschewengur", ebenfalls bei Suhrkampf neu erschienen, machten Platonow zum zeitlebens verbotenen Autor. "Die glückliche Moskwa", unvollendet geblieben, ist mit einer klar nachvollziehbaren Handlung einfacher strukturiert und im Sprachduktus weniger explosiv als die beiden Hauptwerke. Wohl auch, weil der Autor sich damit 1936 (vergeblich) Hoffnung auf grünes Licht für die Veröffentlichung machte.

Er hat seine Titelfigur als kraftvoll optimistische, schöne, auch sexuell selbstbewusste junge Frau in ein genauso von Optimismus und Aufbaufieber beseeltes Moskau gepflanzt. Die ihr verfallenen Männer werden einer nach dem anderen zurückgeliebt, aber dann auch zügig wieder verlassen, weil Moskwa Erfüllung weder in Sex noch in die Bindung an einem Mann sieht. Viel wichtiger ist ihr etwa der Berufswunsch Fallschirmspringerin, den sie sich erst zielstrebig, mutig und erfolgreich erfüllt, bis sie alles mit dem Anzünden einer Zigarette mitten im Sprung selbst vermasselt. Was soll’s - Moskwa verdingt sich wohlgemut, dabei auch buchstäblich hungrig als Arbeiterin unter Tage beim Bau der Moskauer Metro, damals großes Propaganda-Symbol für den ruhmreichen Aufbau des Sozialismus. Dass ein Arbeitsunfall sie zur Einbeinigen macht, kostet die Titelheldin weder den Optimismus noch ihre sagenhafte Wirkung auf Männer.

Auch "Dshan" prägt der schreiende Kontrast zwischen unbedingtem Glauben an den Stalinschen Sozialismus als Paradies auf Erden und einer grauenhaften Alltagsrealität mit Hunger, Massensterben und brutalem Zwang. Der selbstlose, nimmermüde Tschagatajew soll mit Moskauer Parteiauftrag dem in fernöstlicher Wüste vom Aussterben bedrohten Nomadenvölkchen der Dshan das kommunistische Heil bringen. Und zwar auf der Stelle, auch wenn die noch Lebenden so elend in der Wüste herumziehen, dass sie eigentlich am liebsten möglichst schnell sterben würden: "Unsere Seele ist vom Leben wie tot. Die Knochen sind vertrocknet, und krumm, die Sehnen verschrumpelt. Ein wenig ausstrecken wollen sie sich. Wir schaffens einfach nicht zu leben, jeden Tag haben wir es versucht." Platonow erzählt die tapferen Beglückungsversuche durch Tschagatajew mit mitunter religiös anmutender Bildhaftigkeit. Hier hat auch das ohne Wasser sterbende Kamel ein Seelenleben und der eigentlich aufgeklärte Tschagatajew seinen unerschütterlichen Glauben an Stalin als guten Hirten.

Herauszuheben ist für beide Bücher die editorische Leistung. Dem unvollendet gebliebenen Haupttext von "Die glückliche Moskwa" angefügt sind vier alternative Romananfänge sowie ausführliche, lesenswerte Erläuterungen zum Buch und dem Autor.

Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa, Roman, Aus dem Russischen von Lola Debüser und Renate Reschke, Suhrkamp Verlag, Berlin, 221 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-518-42896-2

Andrej Platonow: Dshan oder die erste sozialistische Tragödie, Roman, Prosa. Essays. Briefe Aus dem Russischen und herausgegeben von Michael Leetz, Quintus Verlag, Berlin. 376 Seiten, 25,00 Euro, ISBN: 978-3-947215-36-2

Die glückliche Moskwa

Dshan oder die erste sozialistische Tragödie