Frankfurt/Main (dpa) - Mit ihren ungeschnittenen Fingernägeln zerkratzt Gretel Adorno ihm die Hand und beschimpft ihn als "Hornochsen". Dennoch ist der junge Student der Witwe des legendären Frankfurter Philosophen zugetan.

Andreas Maier beschreibt in seinem Roman "Die Universität" seine seltsame Begegnung als Hilfspflegekraft mit der schwerkranken Frau Adorno, die Ende der 1980er Jahre inmitten der Bücherregale ihres Mannes lebt, der zu dieser Zeit schon fast zwei Jahrzehnte tot ist.

Es ist Band sechs des auf elf Romane angelegten Selbsterkundungsprojekts Maiers, das in und um Frankfurt herum kreist und von ihm "Ortsumgehung" genannt wird. Begonnen hat die Heimatsaga des aus der Wetterau stammenden Autors in Friedberg. "Das Zimmer", "Das Haus", "Die Straße", "Der Ort", "Der Kreis" heißen kurz und knapp die Bücher, bei denen schon die knapp gehaltenen Titel die Enge des hessischen Provinzstädtchens erahnen lassen.

Jetzt macht Maiers Alter Ego, das als Jugendlicher vor allem mit sich selbst beschäftigt war, einen für ihn großen Schritt. Er zieht als Philosophiestudent in die Großstadt Frankfurt - immerhin 35 Kilometer entfernt.

Es ist jedoch nicht das Studentenleben in einer damals immer noch hochpolitisierten Universität, die Maier in dem schmalen Band schildert. Zwar gibt es bei ihm auch den "Hegel-Japaner", der sich in den Seminaren der Frankfurter Philosophiepäpste herumtreibt. Weit stärker beschäftigt den Frischling aber das Erotik-Magazin, das er in seiner neuen Studentenbude zufällig unter der Matratze findet und in dem ihn ein Foto an seine ehemalige Freundin aus Friedberg erinnert. Oder es beschäftigt ihn eben seine Tätigkeit als Pfleger für Gretel Adorno.

Die Schilderung im Buch ist nicht ganz unproblematisch, da die Philosophen-Witwe nicht gerade vorteilhaft gezeichnet wird. Doch Maier führt sie nicht vor - seine Beschreibung der wunderlichen Alten sieht er auch durch die Autorenfreiheit gedeckt. Es handle sich um einen Roman, bei dem nicht alles der Realität entspreche, sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

Im Erwachsenen-Leben tastet sich der Ich-Erzähler genauso unsicher voran wie zuvor als Jugendlicher. Während es Maier in den ersten Bänden aber teilweise glänzend gelang, das Großwerden in der Provinz im Spiegel der großen gesellschaftlichen Veränderungen literarisch zu verdichten, bleibt die Uni-Atmosphäre der späten 80er Jahre im neuen Band eher blass. Sich ankündigende epochale Umwälzungen im fernen Berlin wie der Fall der Mauer spielen gar keine Rolle.

Es gehe ihm nicht um Zeitgeschichte, sagt dazu Maier. Im Zentrum stehe der schwierige Prozess der Selbstfindung seines Protagonisten. Mit seinem großen autobiografischen Projekt, das er vor acht Jahren begann, steht er nicht allein. Der norwegische Autor Karl-Ove Knausgard hat mit seinem Sechs-Bänder - zuletzt erschien "Kämpfen" - auch international für Furore gesorgt. In Deutschland stehen Autoren wie Gerhard Henschel oder auch der Bestellerautor Joachim Meyerhoff für dieses Genre.

Maiers Ansatz bleibt mit dem ironischen Stil und der ihm eigenen Situationskomik jedoch solitär. Er sieht sich eher in der Tradition von Autoren wie Peter Kurzeck oder Arnold Stadler, deren Bücher ebenfalls stark in der Region verwurzelt sind, aus der sie kommen.

Mit dem neuen Band feiert Maier sozusagen sein "Bergfest". Er ist am "Scheitelpunkt" seines Großprojekts angekommen, wie er feststellt. Etwa eineinhalb Jahre braucht er für jeden Band. Der siebte, der Ende kommenden Jahres erscheinen soll, wird dann "Die Familie" heißen.

- Andreas Maier: Die Universität, Suhrkamp Verlag, Berlin, 147 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-518427859.

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