Berlin (dpa) - Walt Whitman (1819-1892) gilt als Urvater der amerikanischen Poesie, ein wortgewaltiger Dichter, der dem Lebensgefühl der Neuen Welt lyrischen Ausdruck verlieh. Sein monumentaler Gedichtzyklus "Grasblätter" gehört bis heute zum Literaturkanon des Landes.

Umso erstaunlicher, dass jetzt ein so ganz anders geartetes Werk dieses großen Schriftstellers aufgetaucht ist, nämlich ein schnöder Gesundheits- und Schönheitsratgeber.

Unter dem Titel "Der schöne Mann. Das Geheimnis eines gesunden Körpers" ist er nun erstmals auf Deutsch bei dtv erschienen. In diesem bizarren Buch gibt Whitman nicht nur praktische Tipps für gesunde Ernährung und einen sportiven Lebensstil auf der Linie von "Men‘s Health". Vielmehr huldigt der Schriftsteller darin auch einem bedenklichen Schönheitskult. Seine Idealisierung des weißen Mannes und der "amerikanischen Rasse" weckt dabei ungute Assoziationen.

Das jetzt veröffentlichte Buch ist genau genommen die Zusammenstellung einer Artikelserie, die Whitman 1858 für das Sonntagsblatt "The New York Atlas" schrieb. 2015 entdeckte sie der US-Wissenschaftler und Whitman-Forscher Zachary Turpin in einem digitalisierten Zeitungsarchiv. Turpin hatte auch schon Whitmans bis dahin völlig unbekannten Roman "Jack Engles Leben und Abenteuer" zutage gefördert, ein Sensationsfund, der ebenfalls anderthalb Jahrhunderte in einem Zeitungsarchiv vor sich hin schlummerte.

Walt Whitman war homosexuell. Diese Tatsache wurde lange Zeit schamhaft verschwiegen, wird jedoch heute nicht mehr ernsthaft in Zweifel gezogen. Der jetzt entdeckte Ratgeber ist dafür einmal mehr eine Bestätigung. Denn er feiert den schönen Mann. Von schönen Frauen ist im ganzen Buch nicht die Rede. Wenn Frauen überhaupt einmal vorkommen, dann nur in Form gefährlicher Prostituierter, die den Freiern die gesunde Manneskraft entziehen.

Der Mann jedoch ist, wie Whitman pathetisch schreibt, ein "stolzes Tier". Was macht ihn aus? Zum Beispiel "ein klares Auge, ein schimmernder, womöglich gebräunter Teint (Letzteres kein Muss), aufrechte Haltung, ein federnder Gang, wohlriechender Atem, eine klingende Stimme und wenig oder gar keine Reizbarkeit des Gemüts." Diesen Idealtypus sieht der Autor vor allem beim einfachen Volk verwirklicht, bei Handwerkern, Viehtreibern, Fuhrleuten oder Holzfällern.

Dem "Lohnschreiber, Literaten, Mann des Sitzfleisches, Glücksritter, Müßiggänger" dagegen empfiehlt er ein spartanisches Gesundheitsprogramm: Beim ersten Morgengrauen aufstehen (im Winter eher davor!), eine schnelle Morgenwäsche mit kaltem Wasser, dann eine Abreibung der Haut mit harter Frottierbürste. Das alles bei frischer Luft. Es folgen Spaziergänge und gymnastische Übungen über den Tag verteilt. Beim Essen rät der Schriftsteller zur Zurückhaltung. Er verdammt die in der guten Gesellschaft damals üblichen üppigen und sehr späten Abendmahlzeiten. Doch zeigt sich der Gesundheitsapostel in der Ernährung überraschend entspannt. Leichte Fleischgerichte sind bei ihm erlaubt.

Viele Ratschläge Whitmans für eine gesunde Lebensführung sind auch heute durchaus noch sinnvoll und empfehlenswert. Dennoch ist dieser Gesundheitsratgeber nur scheinbar harmlos. Denn es steht eine nationalistische und sogar darwinistische Ideologie dahinter. Für Whitman ist Gesundheit nämlich nicht Selbstzweck. Vielmehr ist er von dem Glauben beseelt, dass nur gesunde (weiße) Männer "die Heraufkunft einer stolzen, tapferen und kampfstarken Nation befördern" und als solche wünscht er sich das künftige Amerika.

Verbunden damit ist eine starke Abwertung schwächlicher, kranker Menschen: "Die Vernunft sagt uns, der Tod birgt nicht so viel Schrecken, als wenn sich ein zu nichts taugliches, Mangel leidendes kränkelndes Leben in die Länge zieht." Oder an anderer Stelle: "Nichtig ist die Behauptung, auch ein kranker, gebrechlicher, vor der Zeit todgeweihter Mensch habe in Wahrheit ein lebenswertes Leben." Es sind solche Passagen, die die Lektüre verderben.

Von der Ausstattung ist das Buch mit seinen zeitgenössischen Illustrationen zu Leibesübungen sehr gelungen. Ebenso passend ist die sprachliche Umsetzung, die sich am Deutsch der damaligen Zeit orientiert und nicht etwa an einem modischen "Men‘s Health"-Jargon.

- Walt Whitman: Der schöne Mann. Das Geheimnis eines gesunden Körpers, dtv, München, 280 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-423-28148-5.

Der schöne Mann