Berlin (dpa) - Fast auf den Tag genau 500 Jahre ist es her, dass der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan zur ersten bezeugten Weltumrundung aufbricht.

Als sich seine Armada aus fünf Segelschiffen im Auftrag der spanischen Krone am 10. August 1519 von Sevilla aus auf ihre bahnbrechende Reise Richtung Westen macht, ist auch der raffinierte Hannes an Bord, gelernter Geschützmeister aus Aachen.

In seinem neuen Roman "Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal" erzählt der Österreicher Raoul Schrott das Leben jener jungen Landratte, die ihrem bettelarmen Schicksal in der deutschen Stadt entflieht und den kolonialen Verlockungen und Versprechungen neuer Abenteuer folgt - und das gleich mehrmals.

Magellans Weltumsegelung und Hannes' erste Seereise ist eigentlich ein Kampf um Gewürze, das damals so wertvoll wie Gold ist. Auf den Molukken im Osten Indonesiens gibt es kostbare Gewürznelken und Muskatnüsse. Die Expedition soll herausfinden, ob die Inselgruppe auch über die Westroute zu erreichen ist - und damit zum damaligen spanischen Herrschaftsbereich auf dem zweigeteilten Globus gehört, statt zum portugiesischen.

Zwar entdeckt Magellan auf der Reise die nach ihm benannte Meerenge zwischen dem südamerikanischen Festland und Feuerland und liefert so den endgültigen Beweis, dass die Erde eine Kugel ist. Die Jubel-Arie bei der Rückkehr in den Heimathafen aber erhält der junge Hannes aus Aachen, nicht der namhafte Portugiese. Von den rund 250 Männern, die 1519 starteten, laufen drei Jahre später nur etwas mehr als ein Dutzend Matrosen wieder in Spanien ein.

Magellan war schon in Südostasien bei einem Gefecht mit Einheimischen ums Leben gekommen. "Wohl bekomm's", hatte sich Hannes gedacht. Den Kannibalen werde er "schwer im Bauch liegen; die müssen schon pommersche Mägen haben". Schrott gibt seinem Protagonisten eine wunderbare Bauernschläue auf den Weg. Die intrigante Welt kann ein Kanonier aus Deutschland anscheinend nur mit naivem Blick fassen. "Was wurden wir alle auf dieser Fahrt verraten und verkauft, dass nicht mehr zu sagen war, ob ich unter Klugen oder Trotteln sass."

Schrott, der Romancier ("Finis terrae - Ein Nachlass"), Lyriker ("Tropen. Über das Erhabene") und kontroverse Übersetzer ("Ilias"), erzählt in seinem neuen Buch nicht vorrangig von den Herrschaften an Oberdeck, deren Antrieb politische Kabale und gesellschaftliches Prestige sind. Der 55-Jährige nimmt die "armen Hunde" in den Blick, wie er im Interview des Radiosenders WDR 5 sagt. Hannes sei "die ideale Figur um zu schildern: Wie geht es im Schiffsbauch vor sich?"

Der Ich-Erzähler überlebt schlimmste Stürme und ätzende Flauten, lässt Hungerleiden und Skorbut hinter sich, übersteht Meutereien und auch die Brutalität der europäischen Eroberer. Es ist verkehrte Welt: Während vom Helden nichts übrig bleibt als ein paar abnagte Knochen, kommt der einfältige Abenteurer Hannes, dessen Welt bis dahin in eine Westentasche passte, mit einem blauen Auge davon.

Sprachlich lehnt sich der Autor an den Duktus barocker Schelmenromane und Seefahrerberichte der frühen Neuzeit an. Erzählerisch besonders stark ist der Österreicher in seinen fleischlichen Szenen über Geschlechtlichkeit oder Gewalt.

Schrott räumt auf mit der Vorstellung einer heroischen Segelreise, bei der aus Entdeckerdrang Grenzen überschritten werden. Hannes, der Malocher, wird nach der ersten Weltumsegelung nicht bezahlt - und so auf eine zweite Expedition gelockt. Und auf eine dritte. Er sieht die ganze Welt, und doch bleibt sie ihm allein ein Schiff.

Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal, Hanser Verlag, 324 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-446-26380-2

Hanser Verlag über "Eine Geschichte des Windes"

Schrott im WDR-5-Interview

Website zur Weltumsegelung Magellans