Berlin (dpa) - Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld ist nach den heftigen Attacken seines "Star-Autors" Max Frisch wie am Boden zerstört und zweifelt an Gott und der (Verlags-) Welt.

Das "stellte alles in den Schatten", und: "Auch ich habe ein Recht, nicht gedemütigt werden zu wollen." Aber auch mit einem anderen Hausautor wie Thomas Bernhard läuft es nicht immer gut: "Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Nerven habe, ein solches Gespräch durchzustehen." Das notierte Unseld in seinen "Reiseberichten" mit "Verlegererfahrungen aus 60 Jahren", die ursprünglich nur als hausinterne Informationen gedacht waren und aus Anlass des 70-jährigen Bestehens des Suhrkamp Verlages 2020 jetzt erstmals veröffentlicht werden ("Reiseberichte", Suhrkamp Verlag).

Nicht alle internen Verlagsdetails sind aus zeitlicher Distanz heute für einen größeren Leserkreis noch wirklich interessant, dazwischen aber sind durchaus zeitlose Anmerkungen und Betrachtungen eines Verlegers immer noch lesenswert. So steht natürlich gleich nach Amtsantritt als Suhrkamp-Verleger 1959 der "Antrittsbesuch" bei einer der Brecht-Erben, Helene Weigel, in Ost-Berlin auf dem Programm. Brecht und Weigel hatten sich übrigens nach dem Reichstagsbrand 1933 kurze Zeit in Suhrkamps Wohnung in Berlin versteckt, bevor sie ins Exil flüchten konnten.

1971 nimmt Unseld auch an der Trauerfeier und Beisetzung Weigels teil, "anschließend eher unwirklicher Empfang in der Kantine des Berliner Ensembles". Vor allem galt es damals, den totalen Zugriff der SED-Machthaber auf den gesamten Brecht-Nachlass und die Rechte zu verhindern. In jenen Tagen trifft er auch den jungen Autor Heiner Müller, dessen Stück "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" gleich nach der Uraufführung 1961 verboten worden war und der später als Dramaturg am Berliner Ensemble arbeitete. Damals strebte Müller einen Vertrag mit dem Suhrkamp Verlag an. Der Verleger notiert, es sei wichtig, "Müller in kürzeren Abständen zu besuchen".

Bei der Leipziger Buchmesse 1973 wird Max Frisch "wie ein geheimer, bedeutender Staatsgast empfangen", wie Unseld notiert. Am Verlagsstand bewegt es Unseld, eine junge Frau zu sehen, die aus dem "Stiller" exzerpiert, und einen jungen Mann, der Brechts Bemerkung zum 17. Juni abschreibt. Eine Frage der Besucher lautet: "Wo sind Ihre Bücher von Uwe Johnson?" Johnson hatte 1959 die DDR verlassen.

In Paris stehen für Unseld natürlich die Treffen mit Samuel Beckett im Vordergrund, ein Literaturnobelpreisträger, der mit der Metro zum Café fährt und dort laut Gedichte von Matthias Claudius rezitiert ("Der Mond ist aufgegangen", "s'ist Krieg!") und Fontanes Roman "Effi Briest" als sein Lieblingsbuch nennt. Berührend ist Unselds Abschiedsbesuch bei dem schon schwerkranken Autor von "Warten auf Godot" und "Endspiel" im Mai 1989, der sich immer noch danach erkundigt, ob die Deutschen noch Hermann Hesse lesen, wie es Max Frisch geht und "was schreibt Handke?" fragt. Als der Verleger sagt, er würde bald wiederkommen, antwortet Beckett (in der Zimmerecke steht ein Beatmungsgerät): "Siegfried, wir werden uns wahrscheinlich nicht wiedersehen...there will be an end."

Zum 70. Verlagsjubiläum ist auch ein Band mit Essays Peter Suhrkamps von 1919 bis 1957 erschienen ("Über das Verhalten in der Gefahr"), in denen er zum Beispiel gleich nach Kriegsende 1946 "Über das Lesen" laut nachdenkt. Er selbst, sagt der Verleger, kehre "immer wieder zu wenigen Büchern zurück". Im übrigen wolle er nicht behaupten, "daß Lesen Menschen auch glücklicher machte". Aber das Dichten dürfe nicht aufhören, "sonst verkümmert die Fähigkeit, Vorgänge des eigenen Innern zu empfinden". Allerdings würden Dichter auch "auffällig überschätzt und missbraucht", wenn die "Gültigkeit des dichterischen Wortes als Wahrheit und Weisheit" genommen werde.

Siegfried Unseld: Reiseberichte, Suhrkamp Verlag, Berlin, 378 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-518-22451-9.

© dpa-infocom, dpa:200818-99-208129/2

Reiseberichte

Über das Verhalten in der Gefahr