Berlin (dpa) - Überall wird gemordet. Von den Nordseeinseln bis zu den Alpen, vom Münsterland bis nach Sachsen – in so ziemlich jeder Region und größeren Stadt spielen dieser Tage Regionalkrimis, in denen die Kriminalfälle mit reichlich Lokalkolorit angereichert werden. In praktisch jeder Buchhandlung sind sie zu finden, leicht daran zu erkennen, dass der Handlungsort im Titel steht.

Für Gerhard Henschel, bekannt durch seine Romanserie über die Familie Schlosser wie durch satirische Texte, hat nun auch einen Roman veröffentlicht, der in diese Kategorie fallen könnte: "SoKo Heidefieber". Allerdings deutet Henschel schon im Untertitel eine besondere Variation an. "SoKo Heidefieber" ist offiziell ein "Überregionalkrimi".

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im niedersächsischen Kurort Bad Bevensen. Armin Breddeloh hat gerade in einer Buchhandlung aus seinem neuesten Roman "Heidefieber" gelesen und macht sich auf den Heimweg. Allerdings wird er nie zu Hause ankommen. Am nächsten Morgen wird seine Leiche in einem Teich gefunden. Besonders bemerkenswert ist, dass in seine Augenhöhlen Glasaugen eingedrückt wurden. Genauso starb das Opfer in "Heidefieber".

Schon bald sind die nächsten Opfer fällig. Ein Regionalkrimiautor verbrennt in seiner Sauna, und ein anderer wird in der Badewanne von einer Giftschlange totgebissen. "Das hier war das reale Leben und nicht irgendeine Räuberpistole, in der sich die Gesetze der Wahrscheinlichkeit nach Belieben außer Kraft setzen lassen", sinniert eines der Opfer und vergisst dabei, dass es in seinem letzten Krimi genau diese Tötungsart eingesetzt hatte.

Um die Mordserie zu lösen, die ein bemerkenswertes Medienecho hervorruft, wird die Sonderkommission "Heidefieber" gegründet. Im Mittelpunkt steht der Hauptkommissar mit dem unwahrscheinlichen Namen Gerold Gerold von der Kripo Uelzen. Er verfolgt mit seiner Kollegin Ute Fischer immer neue Mordfälle an Regionalkrimiautoren.

Alle Mordfälle wiederholen Szenen aus den Romanen der Toten, wie absurd sie auch sein mögen. Henschel macht sich den Spaß, Passagen aus erfundenen Regionalkrimis zu zitieren, die vor Klischees und schlechtem Deutsch nur so strotzen. In jedem dieser Romane findet ein Mord unter aberwitzigen Umständen statt, und jeder dieser Morde wird in der Realität nachgeahmt.

Gerold und Fischer wollen dem Serienmörder einen Schritt voraus sein und lesen zahllose Regionalkrimis in der Hoffnung, dem Täter eine Falle stellen zu können. Allerdings ist es kaum zu schaffen, alle Regionalkrimis zu lesen, die es gibt, wie die Beschreibung einer Sammlung vermuten lässt: "Hunderte, wenn nicht Tausende dieser Krimis wurden hier gehortet. Und die Fluchten der Regale nahmen gar kein Ende, und überall leuchteten die knalligsten Romantitel auf."

Während die Polizei den Täter sucht, ist ein prominenter Regionalkrimiautor nach Griechenland geflüchtet. Er fühlte sich besonders bedroht, denn er hatte einen Satz gesagt, den ihm auch seine Kollegen sehr übelnehmen: "Wenn man zynisch wäre, könnte man die These vertreten, dass wir es hier mit einer Art angewandter Literaturkritik zu tun haben." Henschel schickt diesen Schriftsteller auf eine aberwitzige Odyssee, die aber zugleich viele Ähnlichkeiten zum Original aufweist.

Wirklich ernst zu nehmen ist das Ganze natürlich nicht. Henschel überdreht das Spiel mit absurden Krimiszenen, lokalen Dialekten und vor sich hin stümpernden Polizisten gnadenlos, bis hin zum explosiven Finale, das – natürlich – am Brandenburger Tor stattfinden muss.
"SoKo Heidefieber" spielt mit dem Genre Regionalkrimi, bietet neben der Satire aber durchaus auch Krimispannung. Man darf nur eben alles nicht so wörtlich und ernst nehmen.

Gerhard Henschel: SoKo Heidefieber. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 284 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-455-00833-3

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