Magdeburg | Schließungen von Betrieben, das Herunterfahren sozialen Lebens bis auf ein Minimum, Mieter, Pächter, Angestellte und Arbeitgeber bangen um ihre Existenz. Die angespannte Lage betrifft jeden - sei es aus gesundheitlichen Gründen oder finanziellen, existenziellen. Wir werfen einen Blick in zwei Magdeburger Independent-Kinos, die in Zeiten von Corona um ihre Existenz kämpfen müssen.

Moritzhof

Eines der kulturellen Zentren Magdeburgs bildet der Moritzhof in Neustadt. Wo noch vor wenigen Wochen Musiker wie die Magdeburger Indie-Band Berlin Syndrome die Bühne zum Beben brachte, herrscht nun gespenstische Ruhe. Flimmerte in den Hallen neulich noch der moderne Filmklassiker Parasite über die Leinwand, atmet der Vorstellungsraum heute tiefste Einsamkeit.

Doch die Stille wird regelmäßig von Arbeiten durchbrochen. Trotz Schließung wird weiter geackert - auch wenn kulturell auf die Bremse getreten werden muss. Lars Johansen, Verwalter des Moritzhofs und Vorsitzender der ARTist e.V., erzählt warum: “Wir arbeiten liegengebliebene Aufgaben auf, nehmen Reparaturen vor, bringen die Technik in Schuss”. Außerdem produziert er und sein Team mit “Hof on Air” ein kleines Videopodcastformat, mit dem sie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hofes und Gäste präsentieren.

Bilder

Lesungen, Konzerte, Performances, Märchenerzählungen, Kabarettaufführungen, Buch- und Filmvorstellung: Ein breites Portfolio verspricht Johansen mit der Idee analoge Medien digital in den Äther zu schicken. Mit diesen Aktionen möchte Johansen Spenden sammeln, die unter anderem an die freie Szene Magdeburgs verteilt werden soll. Man könnte fast meinen, dass keine Macht der Welt das kulturelle Beben mit Epizentrum Moritzhof aufhalten könne.

Johansen hofft auf Nachbesserungen

Gerade kleinere Kulturbetriebe sind meist finanziell auf Kante genäht, werden quasi ausschließlich von Fördermitteln und Eintrittsgeldern gespeist. Letzteres fällt wegen der Corona-Krise weg. Der Moritzhof hat laut Johansen in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und könne die Ausfälle halbwegs kompensieren. Auf lang Sicht wird die Ausnahme-Situation, in der sich der Moritzhof, wie viele andere Betriebe auch, jedoch weitreichende Folgen haben - zumal der Moritzhof als “sozialkulturelles Zentrum” nicht auf die Notfördermittel zugreifen darf. Ein Dorn im Auge von Johansen, der bei der Notfinanzierung noch Nachbesserungsbedarf sieht. Denn: Trotz der Fördermittel und dem Geld das gespart wurde, müsse ein hoher Anteil an Eigenmittel erbracht werden - andernfalls geht über kurz oder lang der Riemen runter.

Nicht nur Lars Johansen als Betreiber, auch die Künstler, die unter anderem im Moritzhof auftreten, stehen vor massiven existenziellen Problemen.  “Es gibt ein Paket für Firmen und Selbstständige”, erzählt Johansen. “Die dort erhaltenen Gelder dürfen aber in Sachsen-Anhalt nicht für den Lebensunterhalt genutzt werden." Für freischaffende Künstler, die ihre Existenz mit Auftritten verdingen, eine Katastrophe. "Es gibt keinen speziellen Etat für Künstler und Künstlerinnen.”

Ausnahmesituation

Trotz der angespannten Situation zeigt Johansen Solidarität für Entscheider, für “das politische Personal” wie er es sagt, das mit einer neuen Herausforderung zu kämpfen habe. Er macht klar, dass nun die Zeit sei, wo vor allem Fachleute entscheiden müssten. “Es geht um die Gesundheit und das Überleben von Menschen.” Er hoffe, dass unter Auflagen im Sommer der Betrieb wieder aufgenommen werden könne, denn: “Ohne Kultur wird eine Zivilisation nicht funktionieren.”

OLi-Lichtspielhaus

Die Wiederentdeckung der Romantik des Kinos, hat Magdeburg vor allem dem OLi-Lichtspielhaus zu verdanken. Allen voran Wolfgang Heckmann, der den Betrieb des in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eröffneten und Ende der 90er Jahre geschlossenen Kinos vor fast zwei Jahrzehnten wieder aufnahm. Er schuf mit dem OLi-Kino - gemeinsam mit Ehefrau Ines Möhring - eine Perle der Filmkultur in Magdeburg, präsentierte Filmklassiker, die sich kaum ein Kino zu trauen wagte, hob Veranstaltungen aus dem Boden und arbeitete sich in die Herzen von Cineasten.

Nicht nur in der Kultur-Szene ist das OLi regelmäßige Anlaufstelle für den gemeinsamen Austausch von cineastischen Geplauder und Nerd-Talk. Weihnachtsfeiern werden dort veranstaltet, Themenabende kredenzt. So erschöpft das kulturelle Gut Magdeburgs in den vergangenen 80 Jahren, so sehr wurde das Wenige in diesen Räumlichkeiten zelebriert.

Wolfgang Heckmann verstarb am 22. November 2019 im Alter von 73 Jahren, Ines Möhring übernahm die Führung des Kinos. Wenige Monate später sollte ein Virus den zweiten dramatischen Schicksalsschlag für das kleine Lichtspielhaus in Stadtfeld Ost innerhalb weniger Wochen darstellen. Der von Corona hervorgerufene finanzielle Schaden für das kleine Independent-Kino: enorm.

“Da wir unser kleines Kino auch für Schul- und Firmenveranstaltungen, Familienfeiern, Theatergruppen und Konzerte vermieten, und von dieser Seite aus keine Planungssicherheit besteht, hagelte es in den ersten zwei Wochen pausenlos Absagen”, erzählt Ines Möhring. Frustrierend.

Die traurige Wahrheit ist, dass sie als Alleinunternehmerin des Kinos fast alles selber mache, sie aber “wenigstens keine Mitarbeiter habe, die leiden müssen”. Bis auf den Hausmeister, so sagt sie, der im Moment sämtliche Verschönerungsarbeiten vornehme, reinigt, streicht und repariert. Sie habe zudem einen Antrag auf Corona-Soforthilfe bei der Investitionsbank Sachsen-Anhalt gestellt. Eine Rückantwort bleibt bislang aus.

Unter den Sparmaßnahmen leiden müsse auch die Besitzer der “Trinkbar im OLi”, die hauseigene Bar des Kinos. Keine Gäste, keine Einnahmen. Mit den Geldern der Bank könnten zumindest die Ausgaben gedeckt werden, erzählt die Betreiberin. Ein tiefes finanzielles Loch entstehe wegen ausbleibender Einnahmen trotzdem.

Was bleibt, ist Hoffnung

Das Auftragsbuch des OLi-Kinos sei zwar für die Zeit ab September gut gefüllt, dennoch besteht die Befürchtung, dass bisher zugesagte Veranstaltungen für die zweite Hälfte des Jahres wegfallen könnten. Ines Möhrings (ernüchternde) Prognose für den Rest des Jahres: “Wir überstehen die Krise bis zum Herbst, dann müssen wir die weitere Entwicklung abwarten." Und dennoch bleibt ein wenig Resthoffnung in ihr: "Wir alle sind dennoch optimistisch und hoffen, dass die Magdeburger nach einer so langen Zeit ohne öffentliche, gemeinsam genossene Kultur ‘ausgehungert’ in die Kulturbetriebe der Stadt kommen werden.”

Und damit ist auch für mich eigentlich alles gesagt. Bis auf eines: Meldet euch bei dem Kino oder Theater eures Vertrauens, kauft Gutscheine, wenn sie angeboten werden. Einfache Maßnahmen, damit auch künftig Kultur in Magdeburg gelebt und erlebt werden kann.

Unterstützt Ihr einen Verein oder ein Unternehmen in Corona-Zeiten? Wenn ja, welche und warum? Musstet Ihr bereits einen Veranstaltung absagen, die eigentlich schon gebucht war? Lasst es uns wissen, in den Kommentaren.

Euer Nico Esche