Groß Santersleben l Die Kinderbetreuung in den Kindereinrichtungen ist seit einer Woche nahezu auf Null gefahren – auch in der Hohe Börde. Nach einem strengen Maß wurde beurteilt, wer wirklich nicht um eine Notbetreuung in den Kindereinrichtungen und Horten herumkommt. Eltern waren gefordert, einen Notfallplan zu erstellen – und das meist von jetzt aus gleich. Inklusive der Schwierigkeit, dass bei vielen auch die Ersatzbetreuung durch Oma und Opa von vornherein gestrichen war, weil sie vom Alter her oder durch gesundheitliche Vorbelastung in die Risikogruppe fallen, die sich schneller mit dem Coronavirus infizieren könnte. Die Bildung von kleinen Gruppen, um die Kinderbetreuung abzusichern, erweist sich nicht als praktikabel – nicht zuletzt, weil auch viele ungeklärte Fragen von Ansteckung bis Versicherungsschutz dahinterstehen.

So mussten auch Stefanie Ließ und Silvio Pasemann aus Groß Santersleben den Alltag mit ihre dreijährigen Zwilligen Melissa und Mariella ganz neu managen. Mama Stefanie ist ganz froh, dass sie auch ohne Corona ab kommenden Mittwoch eine Auszeit von der Arbeit als Arzthelferin geplant hat. „Das bleibt auch so, so dass der Papa die erste Hälfte der Betreuung absichern kann und ich die andere“, erklärt sie beim Gespräch am Gartenzaun. Papa Silvio fand mit seinem Chef eine Lösung, dass er eineinhalb Wochen zu Hause bleiben konnte.

So war statt Tischlern erstmal Kinderbetreuung und Hausarbeit angesagt. „Das hat mich auch beruhigt – ich konnte entspannter arbeiten und musste mir nicht ständig Gedanken machen, wie es läuft“, so Stefanie Ließ, die sich zudem freute, dass sich viele Leute an die Auflagen halten und soziale Kontakte einschränken.

Silvio Pasemann bestätigt unterdessen, dass ihm und seinen beiden Mäusen die Decke keineswegs zu Hause auf den Kopf gefallen ist. Als Vorteil sieht er Hof und Garten am Haus an, so dass Mariella und Melissa das schöne Wetter der vergangenen Tage nutzen und mit den Fahrrädern eine Runde nach der anderen um das Haus drehen konnten. „Wir haben alles da, womit sie sich beschäftigen können, sind aber auch mal mit dem Bollerwagen durch das Dorf gefahren“, nennt Silvio Pasemann einige der Beschäftigungen. Auch beim Mithelfen bei der Gartenarbeit zeigten die Mädchen Spaß.

Das Essen hat die Oma gekocht, aber um den Kontakt zu meiden, wurden die Töpfe einfach auf dem Hof abgestellt. Und wie sagt man es seinen Töchtern, wenn sie nach der Oma fragen? „Wir sagen dann, Oma ist ganz doll erkältet, wir können sie nicht besuchen“, nennt Stefanie Ließ eine Ausrede, die nicht nur bei den Omas der Beiden, sondern auch bei der 92-jährigen Uroma angewendet werden kann.

Den Vorteil eines Häuschens mit Garten weiß auch das Ehepaar Böttcher, ebenfalls aus Groß Santersleben, zu schätzen. „Dann kann man auch mal raus“, sagt Mutter Stefanie, die mit ihrem Mann Christian derzeit die Kinderbetreuung für die Söhne Niklas (3,5 Jahre alt) und Jonas (16 Monate) neben dem Job alleine managen muss. Ihre Jobs als Sachbearbeiter und Assistentin erledigen sie soweit als möglich im Homeoffice.

Zwar sagt Stefanie Böttcher, dass sie froh ist, dass ihre Sprösslinge nicht in die Notbetreuung müssen, aber schnell hat sie gemeinsam mit ihrem Mann festgestellt, dass der Tag klare Strukturen braucht, um Kinderbetreuung und die Aufgaben im Job unter einen Hut zu bekommen. „Wir haben den Vorteil, dass wir uns abwechseln können bei der Betreuung und gucken dann, dass der, der arbeitet, sich abschotten kann“, erzählt sie weiter. Auch die Zeit, wenn die Jungen schlafen wird effektiv genutzt. Fakt sei, vier Wochen Urlaub hat man eben nicht.

Um die Kinder bei Laune zu halten, haben sich Christian und Stefanie Böttcher auch schon einiges einfallen lassen. Bestes Beispiel dafür, ist eine Burg aus Bausteinen. Sie fällt dadurch auf, dass die Bausteine nicht einfach wahllos aneinandergesteckt worden sind, sondern dass sie nach Farben sortiert sind. Das brachte besonders Söhnchen Niklas viel Spaß. „Wir haben auch schon Ostereier beklebt“, erzählt die Mutter weiter von den Ostervorbereitungen.

Auch wenn Homeoffice etwas Entlastung bringt, so kann auch die Groß Santersleberin Sabine Köhler-Stadler die Schwierigkeiten bereits einschätzen. Während ihr Mann Silvio Stadler als Lkw-Fahrer unterwegs ist, ist sie mit ihren Kindern Henrik (12) und Frieda (3) zu Hause. Intensiv nutzt sie die Zeit, wenn die Kinder schlafen oder ihr Mann zu Hause für ist, für ihre Büroarbeiten. Frieda freut sich, wenn sie beim Spielen Gesellschaft von der Mama hat, während Sohn Henrik am Vormittag seine Schulaufgaben erledigt. Hier braucht es das ein oder andere Mal ebenso Hilfe von den Eltern, quasi als Lehrerersatz. Im Haushalt bindet Sabine Köhler-Stadler ihre Beiden mit ein. „Einen Tag hat Henrik für uns gekocht“, nennt sie ein Beispiel. Doch auch ihre Kinder haben Bewegungsdrang und müssen mal an die frische Luft – das eigene Grundstück ist eine feine Sache.

Dem kann der Produktionssteuerer Tobias Malz, der mit seinem dreijährigen Sohn Emil gerade das Haus in Groß Santersleben hütet und seine Arbeit im Homeoffice betreibt, nur zustimmen. Seine Frau Elisabeth arbeitet als Therapeutin in einem systemrelevanten Beruf und kann nicht zu Hause bleiben. Manchmal würde Elisabeth Malz aber auch gern wissen, was in den Köpfen der Kleinen vorgeht. „Ich glaube, die sind selber froh, wenn sie etwas zu tun haben“, sagt sie und kann sich vorstellen, dass irgendwann auch die Fragen nach den sozialen Kontakten zu den Freunden aus dem Kindergarten kommen werden.

Aber eines ist bei den meisten Eltern herauszuhören. Die Kinderbetreuung ad hoc nach der Anordnung innerhalb von drei bis fünf Tagen sicherzustellen, war schon eine große Herausforderung. Und zudem bleibt hinter allem noch ein großes Fragezeichen, da niemand weiß, wie lange diese Situation aufrechterhalten wird. Kehrt nach Ostern wieder Normalität ein oder wird es noch länger dauern? „Man kann jetzt nur von Tag zu Tag denken“, bringt es Sabine Köhler-Stadler abschließend auf den Punkt.