Aschheim (dpa) l Der Wirtschaftskrimi um den Zahlungsabwickler Wirecard mit Sitz in Aschheim bei München spitzt sich dramatisch zu. Wegen möglicher falscher Angaben zu „Täuschungszwecken“ in Milliardenhöhe musste der Dax-Konzern die Vorlage seines Jahresabschlusses für 2019 am Donnerstag quasi in letzter Minute ein weiteres Mal verschieben.

Das Management hält es für denkbar, dass Wirecard Opfer eines gigantischen Betrugs geworden ist, und kündigte Strafanzeige gegen unbekannt an. Jetzt droht Wirecard die Zeit davonzulaufen: Wenn bis heutigen Freitag kein testierter Jahresabschluss vorliegt, könnten Banken dem Unternehmen Kredite über zwei Milliarden Euro kündigen.

Der Kurs der Wirecard-Aktie stürzte nach den Nachrichten zeitweise um fast 70 Prozent auf 35 Euro in den Keller und war vorübergehend vom Handel ausgesetzt worden. Zuletzt lag er noch mit 43 Prozent im Minus bei 59,48 Euro. Sollte sich der Kurs nicht nachhaltig erholen, droht dem Konzern im September sogar der Abstieg aus dem deutschen Leitindex Dax.

Eigentlich wollte der Zahlungsabwickler aus Bayern noch am Vormittag die mehrfach verschobene Veröffentlichung seines Jahresabschlusses nachholen. Nachdem der Konzern die Abschlüsse der Jahre 2016 bis 2018 bereits einer Sonderprüfung durch das Prüfunternehmen KPMG unterzogen hatte, schauten sich die regulären Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) nun die 2019er Zahlen besonders gründlich an.

Sind fast zwei Milliarden Euro weg?

Doch für das Testat, das sie dem Abschluss vor der Veröffentlichung hätten geben müssen, fehlten offenbar entscheidende Belege. EY habe den Konzern darüber informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorlägen. Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder oder aus dem Bereich von Banken, die die Treuhandkonten führen, „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden“. Damit gehe es um etwa ein Viertel von Wirecards gesamter Bilanzsumme.

Hintergrund seien aktuelle Mitteilungen von zwei Banken, die die Treuhandkonten seit 2019 führen, hieß es. Demnach könnten die betreffenden Kontonummern nicht zugeordnet werden. Laut Wirecard-Chef Markus Braun hat der Wirtschaftsprüfer früher erteilte Bestätigungen der Banken nicht mehr anerkannt. „Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht“, versicherte er.

Den Angaben zufolge haben Tochtergesellschaften von Wirecard auf die Treuhandkonten Sicherheitsleistungen von insgesamt 1,9 Milliarden Euro eingezahlt, um für das Risikomanagement für teilnehmende Händler zu garantieren. Die Konten würden von zwei asiatischen Banken geführt, die beide über ein Investmentgrade-Rating verfügten.

Wirecard bietet Händlern im Internet und auch offline die Technik zur Abwicklung von elektronischen Zahlungen an, so etwa die Akzeptanz von Kreditkarten und auch die Risikoabsicherung von Zahlungen. Selbst in der Corona-Krise wuchs das Geschäft zuletzt weiter, auch weil die Menschen angesichts der Pandemie und geschlossener Geschäfte verstärkt online einkauften und öfter auf die Zahlung mit Bargeld verzichteten.

Der Zahlungsabwickler steht seit einer Artikelserie mit Vorwürfen in der britischen „Financial Times“ Anfang 2019 unter Druck. Mit der KPMG-Sonderprüfung früherer Bilanzen wollte der Vorstand den angekratzten Ruf des Konzerns eigentlich wieder aufpolieren.

Inzwischen hat jedoch die Finanzaufsicht Bafin wegen möglicherweise irreführender Börsen-Pflichtmitteilungen des Unternehmens zu diesem Thema Strafanzeige erstattet. Erst vor wenigen Tagen durchsuchte deshalb die Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume des Konzerns.

Nach vorläufigen Zahlen, die Wirecard am Donnerstag schließlich veröffentlichte, steigerte das Unternehmen sein Transaktionsvolumen im vergangenen Jahr um 38,5 Prozent auf 173 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um 37,5 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro zu. Der Nettogewinn wuchs um fast 39 Prozent auf gut 482 Millionen Euro.