Abrechnung mit AfD: Was Frauke Petry noch loswerden wollte

Mit Kirchenmusik kennt sich Frauke Petry aus. Als junge Frau spielte sie Orgel, sang im Chor, war Frau eines Pfarrers. Ihrer Ex-Partei, der AfD, hat sie ein „Requiem“ geschrieben - nicht als Musik für eine Totenmesse, sondern in Form eines eigenwilligen Sachbuchs.

Von Anne-Béatrice Clasmann, dpa
Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry spricht zu Journalisten.
Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry spricht zu Journalisten. Carsten Koall/dpa/Archivbild

Berlin - „Requiem für die AfD“ heißt das Buch, mit dem die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry ihren im Herbst anstehenden Abgang von der politischen Bühne einleitet. „Abrechnung“ hätte als Titel für das in einem eigens dafür gegründeten Verlag erscheinende Buch vielleicht noch besser gepasst. Petry hat der AfD 2017 direkt nach der Wahl den Rücken gekehrt und dann ohne Erfolg eine eigene Partei gegründet. Bevor sie nach der Wahl im September den Bundestag verlässt, teilt sie noch einmal richtig aus.

Bernd Lucke hat die AfD 2013 gegründet und ist 2015 ausgetreten, nachdem ihn Petry ausmanövriert hatte. Petry bescheinigt Lucke, ihm fehle „der natürliche Instinkt einer Führungskraft“. Über Partei-Vize Beatrix von Storch sagt sie: „Ein Charmebolzen ist sie nie gewesen“. Zu ihrer früheren Zusammenarbeit mit Jörg Meuthen, der nach Luckes Abgang als Co-Vorsitzender an ihrer Seite stand, schreibt Petry: „Es sollte noch lange dauern, bis ich begriff, wie einfach, fast banal mein Co-Sprecher funktionierte und wie wenig sein Verhalten mit politischem Verständnis zu tun hatte.“

Auch Alexander Gauland, den heutigen Ehrenvorsitzenden und Co-Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, habe sie falsch eingeschätzt, resümiert Petry: „Vielleicht war ich bezüglich Gauland auch einfach zu gutgläubig. Ich hätte ihm jedenfalls nie Böswilligkeit oder Hinterhältigkeit unterstellt. Er hatte dieses Talent, irgendwie doch immer seriös zu wirken.“

Wie es für sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag beruflich weitergehen wird, sagt Petry, die Chemikerin ist, nichts. Womöglich weiß sie es selbst noch nicht. Wozu sie auch schweigt: Wie es ist, als Fraktionslose im Bundestag zu sitzen und die Stille auszuhalten, wenn nach einer Rede im Plenum kein Applaus kommt.

Aufschlussreich sind ihre Erinnerungen dort, wo sie die Wagenburg-Atmosphäre beschreibt, die sich in den Jahren 2015 bis 2017 in der Partei breitmachte. Sie beobachtete damals nach eigener Aussage eine „wachsende Tendenz bei vielen Parteimitgliedern, stets und überall einen Angriff oder eine äußere Verschwörung gegen die AfD und ihre Vertreter zu wittern“. Dies sei so übermächtig geworden, „dass eine rationale Analyse des Problems in den Hintergrund trat“.

Oder an anderer Stelle: „Es war ein AfD-typisches Phänomen von Beginn an, überall U-Boote des Verfassungsschutzes zu wittern und dabei gern zu übersehen, dass die zunehmende Anzahl an patriotischen Jogginghosenträgern ohne berufliche Alternative, Hitler-Bildchen verschickenden Funktionären und Chemtrail-Besorgten die weitaus größere Gefahr für die Partei darstellten.“

Mit der AfD hat sie zwar abgeschlossen. Doch aus der Ferne verfolgt Petry das, was in ihrer alten Partei vor sich geht, teilweise noch mit Interesse. Dass Meuthen, der heute immer noch Parteichef ist, auf dem für November geplanten nächsten Bundesparteitag der AfD erneut zum Vorsitzenden gewählt wird, glaubt sie nicht. Sie sagt: „Jörg Meuthen hat keine Chance mehr auf den Parteivorsitz.“

Selbstkritik übt Petry, die mit dem 2017 ebenfalls aus der AfD ausgeschiedenen früheren NRW-Landesvorsitzenden Marcus Pretzell verheiratet ist, an einzelnen Stellen in ihrem Buch durchaus. Nicht nur was die im Rückblick nicht immer ganz treffsichere Einschätzung ihrer damaligen Parteifreunde angeht. Dass sie als Parteichefin gefordert hatte, man sollte mit dem Begriff „völkisch“ entspannter umgehen, da es nunmal die Aufgabe eines Politiker sei, „sich für das eigene Volk einzusetzen“, sei damals „in Verkennung der historisch eindeutigen Belegung“ geschehen. Der Begriff gilt wegen seiner Verwendung durch die Nationalsozialisten als belastet. Heute stellt Petry fest: „Ich hatte mich verrannt und bekam dafür nun die mediale Reaktion, über die ich mich ausnahmsweise nicht beschweren musste.“ Dies sei die einzige Äußerung aus diesen Jahren, „die ich auch inhaltlich heute noch bereue.“

An der AfD kritisiert Petry in ihrem Buch auch den aus ihrer Sicht seit Jahren wachsende Einfluss der Rechtsaußen-Strömung um den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke. Sie selbst werfe sich heute vor, sich nicht früher auch öffentlich von ihm und seinem „Flügel“ abgegrenzt zu haben.