Kritik an Ende der Corona-Notlage

Corona-Inzidenz in Deutschland erstmals seit Mai wieder dreistellig

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland hat erstmals seit Mitte Mai den Wert von 100 erreicht. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Samstagmorgen mit exakt 100,0 an.

23.10.2021, 13:52
Ein Mitarbeiter zeigt in der Corona-Abstrichstelle auf dem Festplatz einen Abstrich für einen Corona-Test.
Ein Mitarbeiter zeigt in der Corona-Abstrichstelle auf dem Festplatz einen Abstrich für einen Corona-Test. (Foto: dpa/symbol)

Berlin/dpa - Corona-Infektionen in Deutschland haben wieder deutlich zugenommen: Die Sieben-Tage-Inzidenz erreichte am Wochenende erstmals seit Mitte Mai den Wert von 100. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Samstagmorgen mit exakt 100,0 an. Am Vortag hatte der Wert bei 95,1 gelegen, vor einer Woche noch bei 70,8. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 15.145 Corona-Neuinfektionen.

Der Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine Beendigung der durch den Bundestag festgestellten Corona-Notlage sorgte auch angesichts dieser steigenden Zahlen für Diskussionen. Kritiker befürchten einen «Flickenteppich» an Maßnahmen und Regelungen. Spahn betonte im «Interview der Woche» des Deutschlandfunks, es gehe darum, nach 19 Monaten einen Ausnahmezustand zu beenden. Die Befugnisse der Bundesregierung sollten in einen Normalzustand zurückgeführt werden. Er betonte, dies bedeute keinen «Freedom Day» (Freiheitstag) oder das Ende aller Maßnahmen. Diese könnten auch ohne den Ausnahmezustand geregelt werden.

Gesundheitssystem: Corona-Zahlen lassen Sorgen um Überlastung wieder aufkeimen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der «Passauer Neuen Presse» (Samstag), Spahns Ankündigung in einer Phase, in der es steigende Infektionszahlen, Impfdurchbrüche, stagnierende Impfquoten und andere Probleme gebe, habe ihn überrascht. Sollte die Feststellung der epidemischen Notlage nach dem 25. November tatsächlich auslaufen, fordere er eine Ersatzregelung. Auch die Ministerpräsidenten der Bundesländer hatten am Freitag erklärt, es müsse weiter eine bundeseinheitliche Rechtsgrundlage für die Corona-Schutzmaßnahmen geben.

Städtetagspräsident Burkhard Jung warnte vor einem «Flickenteppich». Ein gemeinsamer Rahmen seit weiterhin notwendig. «Die Länder müssen über den Winter Regeln wie 3G oder sogar 2G und das Tragen von Masken in Innenräumen weiter vorgeben können», sagte der Leipziger Oberbürgermeister den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Unterstützung erhielt Spahn vom Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Der Vorschlag des Ministers sei «letztlich folgerichtig», sagte er der «Rheinischen Post» (Samstag). Gassen appellierte an noch unschlüssige Bürgerinnen und Bürger, sich impfen zu lassen.

Mit den steigenden Corona-Zahlen keimen auch Sorgen um eine Überlastung des Gesundheitssystems wieder auf. «Die Inzidenzen sind weiterhin extrem eng gekoppelt an die Aufnahmen auf die Intensivstationen. Das bereitet mir doch erhebliche Sorgen», sagte Christian Karagiannidis, leitender Oberarzt an der Lungenklinik Köln-Merheim und wissenschaftlicher Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dem Deutschlandradio. Zwar seien die Intensivstationen derzeit mit Covid- und anderen Patientinnen und Patienten etwa gleich stark belegt wie vor einem Jahr, allerdings gebe es inzwischen weniger freie Kapazitäten, weil die Zahl der Betten mangels Pflegepersonal verringert werden musste.

Die Zahl der insgesamt in Kliniken aufgenommenen Covid-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen - den für eine mögliche Verschärfung der Corona-Beschränkungen wichtigsten Parameter - gab das RKI am Freitag mit 2,68 an. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Corona-Risiko wird derzeit unterschätzt: Lauterbach und Klingbeil mahnen zu Vorsicht

Lauterbach kritisierte in der «Passauer Neuen Presse» (Samstag), dass das Corona-Risiko derzeit unterschätzt werde. «Die Menschen beginnen, wieder leichtsinniger zu werden. Vielerorts hat sich offenbar das Gefühl eingenistet, es sei nun fast vorbei, es würde noch ein paar Wochen dauern, und man werde ja auch nicht mehr so schwer krank.»

Auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil mahnte zu Vorsicht. «Wir haben uns sehr vernünftig und solidarisch durch diese Krise bewegt. Das sollte auch auf den letzten Metern so bleiben», sagte Klingbeil den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag). Fragen des Infektionsschutzgesetzes und der pandemischen Lage sollten laut Klingbeil im Bundestag gemeinsam bewertet werden. «In dieser Übergangszeit nach der Wahl werden wir im Parlament nach Mehrheiten suchen, die größer sind als die aktuelle Regierung», meinte der SPD-Politiker.