Landwirtschaft

In Iden steht der Saustall der Zukunft

Wie ergeht es Tieren, bevor sie auf dem Teller landen? Diese Frage stellen sich immer mehr kritische Verbraucher. Also soll sich die Tierhaltung in den Ställen verbessern. Sachsen-Anhalt bietet dabei Unterstützung.

Von Dörthe Hein

Iden (dpa) l Ein Knäuel Ferkel mit Öhrchen, Steckdosennasen und rosigen Rücken drängt sich am wärmsten Platz. Die Muttersau verharrt etwa einen Meter entfernt im Stall und wartet auf den nächsten Hunger des Nachwuchses. Hier in Iden in der Altmark stehen landeseigene Tiere im Dienste von Ausbildung und Forschung.

In jedem üblichen Schweinestall wäre die Mutter vier Wochen nach der Geburt so eingezwängt, dass sie sich nicht drehen kann - aus Schutz für die Ferkel, denn sie würde die Kleinen sonst möglicherweise erdrücken. Aber Bilder von Sauen mit wenig Bewegungsfreiheit und Ähnliches wollen die Verbraucher nicht mehr sehen. Mehr Tierwohl im Stall ist gefragt, und das Land Sachsen-Anhalt will den Haltern dabei helfen.

Dazu steht in Iden eine Art Stall der Zukunft. Der Magdeburger Landtag hat beschlossen, den Ort zu einem Zentrum für tier- und umweltgerechte Haltung auszubauen. Schweinezüchter sollen hier sehen, wie Tiere besser und dennoch wirtschaftlich gehalten werden können. Denn trotz mitfühlender Gedanken an die Tiere im Stall: Viele Verbraucher greifen im Supermarkt zum billigen Fleisch.

Die Landesanstalt für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau hat im abgelegenen Iden ein Gut mit rund 1000 Hektar Fläche. Dazu gehört neben Milchkühen, Schafen und Wild auch die Lehrwerkstatt Schwein. 125 Sauen stehen hier, rund 300 Mastplätze sind eingerichtet.

Wie lässt sich mehr Tierwohl umsetzen? Wie können die Tiere optimal gefüttert werden? Wie funktioniert die Zucht am besten? An diesen Fragen arbeiten die Mitarbeiter und geben ihr Wissen an Auszubildende und Praktiker weiter. In Iden absolvieren außer jungen Menschen aus Sachsen-Anhalt auch Altersgenossen aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg ihre überbetriebliche Ausbildung in der Tierproduktion wie in der Landtechnik.

In Iden wird gemeinsam mit der Universität Halle nach leicht umsetzbaren Verbesserungsmöglichkeiten gesucht. Besonders in der Kritik der Tierschützer und Verbraucher stehen die sogenannten Kastenstände, in denen Muttersäue etwa drei bis vier Wochen nach der Geburt gehalten werden. Sie sind 70 Zentimeter breit, so dass sich die Tiere nicht umdrehen können; Aufstehen und Anlehnen geht. "Die Säue lassen sich heute im Stall noch wie in der Natur einfach fallen und erdrücken Ferkel", erklärt der Leiter des Dezernats Schweinehaltung, Manfred Weber. Die Verluste lagen in Iden zuletzt bei 14,7 Prozent.

Bewegungsbuchten statt Kastenstände

Manfred Weber hat im Stall in Iden ausprobiert, wie früh man auf den Kastenstand - hier sprechen sie lieber vom "Ferkelschutzkorb" - verzichten kann, ohne dass allzu viel vom Nachwuchs stirbt. Er kommt auf vier bis fünf Tage - dann gebe es keine höheren Verluste im Vergleich zur bisherigen Haltung. Es handle sich um einen Kompromiss. Danach stehen Muttersäue und Ferkel in einer fünf bis sieben Quadratmeter großen Bewegungsbucht. "Sie lässt sich einbauen in eine bestehende Abferkelbucht", erläutert Weber. "Das ist ein Anreiz dafür, dass es schnell in der Praxis Anwendung findet."

"Die Schweinehalter wollen mit Spaß in den Stall gehen", sagt der Leiter des Zentrums für Tierzucht und Technik in Iden, Gerd Heckenberger. Etwa 300 von ihnen gibt es in Sachsen-Anhalt. "Das Tierwohl ist den Landwirten sehr wichtig." Aber die Verbraucher machten es den Haltern sehr schwer, weil sie trotz aller guten Vorsätze am Ende doch zum billigen Fleisch griffen.

"Der Handel ist der Brutale", kritisiert hingegen der Vorsitzende des Schweinewirtschaftsverbandes Sachsen-Anhalt, Werner Gutzmer. So werde ständig an der Preisschraube gedreht. Hinzu komme ein Defizit in der Bevölkerung: Die meisten wüssten nicht, wie Tiere gehalten werden. Den Ansatz, dass wissenschaftlich untersucht wird, was biologisch und technisch notwendig und machbar ist, unterstützten die Halter.

Auch wenn sich die Politik zu Iden bekennt, wurde dort wie überall im öffentlichen Dienst Personal abgebaut. "Mein Ziel ist, den Personalbestand so zu halten, wie er jetzt ist", betont Heckenberger. So könnten Ausbildung und Versuchswesen auf einem guten und anspruchsvollen Niveau bleiben.

Seit 22 Jahren ist der gebürtige Schwarzwälder in Iden. Damals hätten hier zusammen mit dem landwirtschaftlichen Betrieb noch 112 Menschen gearbeitet; jetzt sind es noch gut 70 Mitarbeiter - mit abnehmender Tendenz. Bei den Schweinen wurde die Mitarbeiterzahl von neun auf vier reduziert, das Durchschnittsalter liegt bei deutlich über 50 Jahren. Heckenberger: "Die kritische Masse ist erreicht."