Russischer Energiekonzern will bei E.ON einsteigen

Gazprom will Energie bis in deutsche Haushalte verkaufen

Von Steffen Honig

Russland versteht in wirtschaftlicher Hinsicht wenig Spaß. So ärgert Moskau die Europäische Union derzeit mit seinem Gemüseeinfuhrverbot. Nicht nur deutscher Salat darf nicht mehr in russische Supermärkte – sämtliche EU-Staaten sind eingeschlossen. Das ist keine reine EHEC-Vorsichtsmaßnahme, denn der Erregerherd liegt eindeutig in Deutschland. Die Russen wollen den in ihren Augen kontrollsüchtigen Europäern eines vor Augen führen: Was ihr könnt, können wir schon lange.

Das sorgt zwar für böses Blut vor dem EU-Russland-Gipfel, dürfte aber der ökonomischen Kooperation insgesamt nicht nachhaltig schaden. Europa, allen voran Deutschland, und Russland sind zu sehr voneinander abhängig – besonders was den Energiesektor betrifft.

Und da zeichnet sich ein bemerkenswerter Deal ab: Das russische Unternehmen Gazprom will beim Essener E.ONKonzern einsteigen und möglicherweise dessen Tochter Ruhrgas übernehmen.

Dies verkündete Gazprom-Vorstand Alexej Miller in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" am vergangenen Sonnabend. Miller reagierte damit auf die E.ON-Ankündigung, Unternehmensbeteiligungen für mehrere Milliarden Euro verkaufen zu wollen. "Wir werden solche Angebote prüfen, die über reine Finanzinvestitionen hinausgehen und dem Konzern Mitsprache einräumen," erklärte der Konzernchef.

Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Denn er sagt alles über die Geschäftspolitik von Gazprom in Deutschland. Es geht nicht darum, irgendwo sein Geld gewinnbringend zu investieren, da böten sich auch andere Gelegenheiten. Gazprom will mehr: Endlich von seiner Rolle als reiner Lieferant wegkommen und die Versorgung von der sibirischen Gasquelle über das Leitungsnetz bis zum deutschen Endverbraucher übernehmen. Und damit beim Preis ein gewichtiges Wörtchen mitreden.

Dieses Ziel ist Jahr und Tag bekannt und stieß in Deutschland bislang auf Ablehnung. Die hiesige Politik befürchtete vertiefte Abhängigkeiten, die ohnehin groß genug sind und stärker werden. Denn die von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) mit eingefädelte Ostsee- pipeline steht kurz vor der Vollendung. Das erste Gas soll Ende dieses Jahres durch die Röhren strömen. Der Vollbetrieb mit jährlich 55 Milliarden Kubikmetern Gas für Deutschland und Europa ist ab Ende 2012 geplant.

Dagegen läuft es bei einem anderen Leitungsprojekt, das ausdrücklich dazu gedacht ist, die Abhängigkeit Europas von russischen Ressourcen zu verringern, eher schleppend: der Nabucco-Pipeline durch die Türkei. Bis jetzt ist nicht einmal klar, aus welchen asiatischen Quellen die Gasmengen kommen sollen, die die Nabucco-Röhren auslasten würden.

Der Zeitpunkt für den Gazprom-Vorstoß mit Bedacht gewählt: Durch den von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plötzlich rasant angegangenen Atomausstieg wird Deutschland mehr denn je auf Gas und Öl aus Russland angewiesen sein.

So sind denn die Kommentare aus Koalitionskreisen zum Ansinnen des russischen Konzerns, vom "Handelsblatt" verbreitet, äußerst wohlwollend. Joachim Pfeiffer (CDU), wirtschaftspolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion befindet: "Ablehnende Reflexe gegen einen Einstieg von Gazprom bei E.ON sind unsinnig." Auch FDP-Generalsekretär Martin Lindner hat nichts gegen einen solchen Deal: "Ohne Atomkraft ist Deutschland künftig an Gaslieferungen aus Russland noch mehr interessiert als früher." Lindner setzt aber Grenzen da, "wo der größte deutsche Energieversorger seine Selbständigkeit verlieren könnte". Auf einmal ist also hoffähig, was lange nicht sein durfte.

Doch so neu ist das Gazprom-Engagement in Deutschland nicht. Die Russen betreiben mit BASF das Gemeinschaftsunternehmen Wingas. Seit November 2006 sponsert der Konzern daneben den Bundesliga-Fußballklub Schalke 04. Zwar gab es anfangs Naserümpfen über den Schriftzug eines russischen Unternehmens auf den Trikots der Profis. Offenbar sind aber beide Seiten miteinander zufrieden – der Vertrag wurde vor wenigen Tagen um weitere fünf Jahre bis 2017 verlängert.

Im Zusammenhang mit den Gazprom-Plänen gibt es eine pikante Personalie: Vladimir Kotenev, Chef von Gazprom Germania mit Sitz in Berlin, wurde zum 1. Juni abberufen – ohne Angabe von Gründen.

Kotenev war vor seinem Einstieg bei Gazprom hoch angesehener Botschafter Russlands in der Bundeshauptstadt. Was lehrt uns das? Erstens sind russischen Regierung und Gazprom eng verquickt. Zweitens wird aus einem guten Diplomaten nicht unbedingt ein guter Geschäftsmann.