Kommentar

Ewiger Dank in Deutschland - Leitartikel von Alois Kösters zum Tod von Michail Gorbatschow

Michail Gorbatschow verkörperte die Hoffnung der Deutschen auf das Ende eines maroden Systems und den Beginn von etwas Neuem, Frischem, Offenem. Und ihm ist es zu verdanken, dass die Revolution in der DDR unblutig verlief und mit der Wiedervereinigung endete.

Von Alois Kösters Aktualisiert: 31.08.2022, 18:57
Volksstimme-Chefredakteur Alois Kösters kommentiert.
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 Zurecht sind wir Michail Gorbatschow ewigen Dank schuldig. Aber er steht auch für die Tragik, dass der Zerfall einer kaputten Gesellschaftsform nicht automatisch bedeutet, dass sich etwas Heiles herausbildet. „Glasnost“ (Offenheit, Transparenz) hat dem verlogenen, bürokratischen und verbrecherischen Kommunismus den Todesstoß versetzt. Aber Russland war nicht in der Lage aus eigener Kraft die „Perestroika“, den Umbau der Gesellschaft hinzubekommen.

Er war so bedeutend für den Gang der neueren Geschichte wie kaum einer. Aber es hat wohl keinen gegeben, dessen Rolle so unterschiedlich bewertet wird. Für Litauen wird er immer verantwortlich bleiben für den „Blutsonntag von Vilnius“, wo 14 Menschen starben und hunderte verletzt wurden. In Aserbaidschan steht der „Schwarze Januar“ für die Zeit des Umbruchs, als Gorbatschow Unruhen und Pogrome blutig niederschlagen ließ. In Deutschland stehen er und seine Frau Raissa bis heute für ein modernes Russland, ein neues Zeitalter ohne Grenzen und Restriktionen.

In Russland war Gorbatschow 20 Jahre nach Glasnost laut einer repräsentativen Umfrage unbeliebter als Josef Stalin. 1985 hat er die Lage seines Landes richtig analysiert, ist aber an den Reformen gescheitert. Er hat nie aufgehört über sein Land nachzudenken. 2011 lautete seine Analyse: „Mich beunruhigt, was die Partei Einiges Russland und die Regierung tun: Sie wollen den Status quo wahren, es geht keinen Schritt vorwärts.

Im Gegenteil: Sie zerren uns zurück in die Vergangenheit, während das Land dringend modernisiert werden muss. Einiges Russland erinnert mitunter an die alte KPdSU.“