Magdeburg l Die Zahl der Infektionen mit dem neuen Coronavirus nimmt in China rasant zu, andere Staaten melden erste Fälle. Wie bereiten sich die Krankenhäuser vor, sollte es zu einer erhöhten Fallzahl kommen? Ein Gespräch mit Professor Achim Kaasch, dem Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Magdeburg.

Professor Kaasch, was wissen wir über den Erreger?
Achim Kaasch: Wir wissen noch nicht viel, weil es ein neuartiges Coronavirus ist. Die Gruppe der Erreger kennen wir ganz gut. Es ist ein Beta-Coronavirus. Dazu gehören etwa die Sars-Viren, die wir vom Ausbruch 2002/03 kennen.

Es ist derzeit also schwer zu sagen, ob es sich um einen harmlosen Erreger handelt?
Die meisten humanpathogenen Coronaviren sind harmlose Erreger. Sie bewirken häufig nicht mehr als einen Schnupfen. Beim Sars-Virus allerdings sind zehn Prozent der Infizierten verstorben. Das war kein harmloses Virus. Beim neuen Virus sind es derzeit rund 470 Infizierte und 17 Todesfälle. Harmlos ist es auf keinen Fall. Ich glaube schon, dass China alles tut, um die Ausbreitung einzudämmen. Es ist aber nicht gesagt, dass das klappt.

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Wie funktioniert die Übertragung?
Genau weiß man das noch nicht. Wahrscheinlich funktioniert das wie bei einem Schnupfen, also durch Tröpfcheninfektion. Wenn jemand hustet und andere in Kontakt kommen mit dem ausgehusteten Material, besteht Infektionsgefahr.

Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist möglich?
Präzise Informationen dazu gibt es noch nicht. Es scheint aber von einem Patienten auf mehrere Pflegekräfte und Ärzte übergegangen zu sein. Überhaupt ist zu den einzelnen Fällen bislang wenig öffentlich bekannt. Es scheint sich aber bei den Todesfällen um Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen gehandelt zu haben.

Ist es ungewöhnlich, dass die Zahl der Infektionen so sprunghaft ansteigt?
Nein. Wenn man es mit einem neuen Virus zu tun hat, gibt es zu Beginn noch keine Diagnostik, die Ausbreitung wird unterschätzt. Auf der anderen Seite wird die Gefährlichkeit überschätzt, weil man vor allem die Patienten sieht, die schwerkrank sind. All jene, die das Virus in sich tragen und eine leichte Infektion haben, fallen klinisch kaum auf. Ein Problem könnte sein, dass wir gerade Influenza-Saison haben. Patienten mit Grippe-Symptomen fallen also nicht auf.

Zuletzt hieß es, es könnten weit mehr Menschen als angenommen infiziert sein. Von 1700 ist die Rede. Gibt es eine Dunkelziffer?
Der Zugang zur Diagnostik – also dem Wissen, wie man testet – ist erst seit kurzem da. Ein Test ist erst seit kurzem in wenigen Labors verfügbar. Es ist ganz klar, dass es eine relativ hohe Dunkelziffer geben muss. Momentan gibt es rund 470 bestätigte Fälle. 1700 halte ich für möglich. Die Dunkelziffer wird immer kleiner werden, je mehr getestet wird.

Wie realistisch ist das Szenario einer Ausbreitung in Europa und Deutschland?
Ich gehe davon aus, dass das Virus auch nach Europa kommt. Wir sehen, dass es in China schon eine große Strecke zurückgelegt hat. Es ist ja schon in anderen südostasiatischen Ländern und in einem Fall in den USA angekommen. Ob es sich auch hier schnell ausbreitet, hängt davon ab, wie schnell Fälle erkannt werden und welche Maßnahmen ergriffen werden.

Welche Schutzmaßnahmen können hierzulande getroffen werden und wie können sich Krankenhäuser auf steigende Fallzahlen vorbereiten?
Erste Schutzmaßnahme: Daran denken, dass es dieses neue Virus gibt. In den Krankenhäusern gibt es klare Richtlinien, wie in Verdachtsfällen mit ähnlich gefährlichen Erregern zu verfahren ist. Etwa das Tragen von Schutzkleidung und Schutzmasken. Wichtig ist, dass Verdachtsfälle frühzeitig isoliert werden.

Die Symptome können einem grippalen Infekt oder einer Lungenentzündung ähneln. Raten Sie zu erhöhter Sensibilität? Oder ist das Alarmismus?
Es gibt noch keinen Fall in Europa. Aber wir sollten bereit sein, wenn es zu einer größeren Verbreitung kommt. Gestern Abend wollte die WHO zusammenkommen (nach Redaktionsschluss; d. Red.), um die Situation zu bewerten. Behörden würden bei einer Verbreitung eine Reisewarnung herausgeben, das Robert-Koch-Institut und das Auswärtige Amt würden entsprechende Empfehlungen veröffentlichen.

Welche Herausforderungen sehen Sie in Ihrem Alltag als Arzt, wenn das Virus nach Deutschland kommt?
Zunächst einmal wird es eine große logistische Herausforderung. Wenn bei uns die Grippewelle startet, kommen viele, nicht nur China-Reisende, und vermuten, dass sie infiziert sein könnten. Wenn das Virus nach Europa oder Deutschland kommt, sehe ich die größte Schwierigkeit tatsächlich in der Abgrenzung zur Grippe.