Quito (dpa) l In Ecuador stößt man immer wieder auf seltsame Vornamen, von Clítoris bis Michael Jackson. Der Favorit auf die Nachfolge von Rafael Correa im Präsidentenamt ist Lenín Voltaire Moreno – die Vornamen sind wohl eine Hommage seiner Eltern an den russischen Revolutionär und den französischen Philosophen.

Gemeinsam mit Lenín hat Moreno eine linke Grundeinstellung. Von 2007 bis 2013 war er schon Vizepräsident. Seit einem brutalen Raubüberfall vor fast zwanzig Jahren ist er an den Rollstuhl gefesselt und setzt sich weltweit für Benachteiligte ein. Statt mit seinem Schicksal zu hadern, ist er ein fleißiger Buchschreiber – über den Humor. Eine Auswahl der Werke: "Theorie und Praxis des Humors", "Die besten Witze der Welt", "Humor der Berühmten", "Philosophie für Leben und Arbeit".

Correa anders als Chavez

Wenn am Sonntag 12,8 Millionen Ecuadorianer zur Wahl aufgerufen sind, geht es um nichts anders als um die Frage: Endet eine Ära oder widersetzt sich das Land am Äquator dem Trend in Südamerika? Zweifelsohne, kaum ein Präsident hat Ecuador so geprägt wie Rafael Correa. Und er hat anders als ein Hugo Chávez in Venezuela oder ein Evo Morales in Bolivien der Versuchung widerstanden, die Verfassung zu ändern, um länger an der Macht bleiben zu können. Das sonst so politisch instabile Land mit reichen Ölvorkommen hat er zu neuer Blüte geführt.

Seit 2007 hat der an der US-Universität Illinois promovierte Wirtschaftswissenschaftler Correa regiert, nun tritt er ab. Wer sich in Quito über seine Bilanz unterhält, spürt, dass durch ganze Familien ein Riss geht. Er polarisiert mit seinem linken Umverteilungsprogramm, das sogar zu einem diplomatischen Streit mit Deutschland geführt hat.

In letzten Umfragen führt Moreno (63), Kandidat von Correas Partei Alianza País, mit rund 32 Prozent vor dem konservativen früheren Banker Guillermo Lasso mit 21,5 Prozent. Da Moreno mindestens 40 Prozent holen und zugleich zehn Punkte vor dem Zweiten liegen müsste, deutet alles auf eine Stichwahl im April hin. Hier würde sich die Frage stellen, ob sich das Lager der Correa-Gegner einig zeigt und damit wie in Brasilien und Argentinien die linke Ära beendet wird.

Julian Assange im Mittelpunkt

Nebenbei geht es um die Zukunft von Wikileaks-Gründer Julian Assange, der seit 2012 Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London genießt und nichts mehr fürchtet als eine mögliche Auslieferung an Schweden, wo ihm sexuelle Vergehen vorgeworfen werden – und von dort dann womöglich in die USA. Guillermo Lasso hat angekündigt, bei einem Wahlsieg Assange nur 30 Tage zum Verlassen der Botschaft zu geben.

Die Zahlen Correas lesen sich beeindruckend: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf stieg jährlich um 1,5 Prozent – verglichen mit nur 0,6 Prozent in den 25 Jahren davor, wie das Center for Economic and Policy Research in Washington berichtet. Zuletzt lag es bei rund 6200 Dollar im Jahr. Sozialausgaben wurden auf fast neun Prozent des BIP verdoppelt, die Armutsquote im Land konnte um 38 Prozent reduziert werden. Die öffentlichen Investitionen etwa in neue Straßen wurden massiv erhöht.

Correas Bilanz zuletzt schlecht

Aber die letzten Jahre verdüsterte sich vieles in Correas Bilanz. Denn er hat wie so viele in der Region sehr stark auf das Öl gesetzt. Die Folgen zeigen sich etwa im Yasuní, einem der artenreichsten Gebiete im Amazonas. Es ist ein Zankapfel, weil hier Öl gefördert und die Natur zerstört wird; indigene Gemeinschaften werden vertrieben. 2014 und 2016 wurde dem Umweltausschuss des Deutschen Bundestags ein Besuch verweigert, was zu Streit führte. Mit den sprudelnden Erdöleinnahmen wurde das Straßennetz modernisiert, neue Flughäfen und Wasserkraftwerke wurden gebaut. Ein Stipendiensystem ermöglicht auch Kindern aus armen Familien ein Medizinstudium etwa in Kiew – wer zurückkommt nach Ecuador, braucht nichts zurückzuzahlen.

Volkstribun Correa war ständig unterwegs, um die Sorgen der Bürger zu erfahren. Die linke Denkschule, staatliche Ressourcenausbeutung zur Entwicklung des Landes und zur Finanzierung von Sozialprogrammen hat unter dem Namen "Neo-Extraktivismus" Karriere gemacht. Doch zuletzt war der Ölpreis im Keller – daher müsste Lenín Moreno einen Weg weg von dieser Abhängigkeit finden. Vor allem eines könnte ihm bis zu einer möglichen Stichwahl alles verhageln: Der epische Skandal um den brasilianischen Baukonzern Odebrecht schwelt auch in Ecuador. Was wusste die Regierung? In Ecuador sollen Berichten zufolge insgesamt 33,5 Millionen Dollar Schmiergeld geflossen sein. Und zwar in Correas Amtszeit.