Göttingen (epd) l Wissenschaftler der Universität Göttingen vermuten, dass weltweit bislang nur etwa sechs Prozent aller Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus nachgewiesen wurden. Demnach könne die tatsächliche Zahl der Infizierten schon mehrere zehn Millionen erreicht haben, teilte die Hochschule am Montag mit. In Deutschland werden nach den Schätzungen der Göttinger Entwicklungsökonomen Christian Bommer und Sebastian Vollmer immerhin rund 15 Prozent der Infektionen erkannt. Das Robert Koch-Institut hatte für die Bundesrepublik am Montag die Zahl von 95.391 Infizierten genannt.

Nach Schätzungen von Bommer und Vollmer wurden in Italien bisher lediglich 3,5 Prozent und in Spanien sogar nur 1,7 Prozent der Infektionen festgestellt. In den USA (1,6 Prozent) und Großbritannien (1,2 Prozent) seien die Entdeckungsraten sogar noch niedriger. Die Universität wies darauf hin, die beiden zuletzt genannten Länder seien von Experten des öffentlichen Gesundheitswesens wegen ihrer verzögerten Reaktion auf die Pandemie weithin kritisiert worden. In scharfem Gegensatz dazu scheine Südkorea fast die Hälfte aller seiner Corona-Infektionen entdeckt zu haben, hieß es weiter.

"Diese Ergebnisse bedeuten, dass Regierungen und politische Entscheidungsträger bei der Interpretation der Fallzahlen zu Planungszwecken äußerste Vorsicht walten lassen müssen", sagte Vollmer. Solche extremen Unterschiede in Umfang und Qualität der in den verschiedenen Ländern vorgenommenen Tests bedeuteten, dass die offiziellen Fallzahlen keine hilfreichen Informationen lieferten. Bommer verlangte, die Fähigkeit, neue Infektionen zu erkennen und damit die Ausbreitung des Virus einzudämmen, muss müsse "dringend verbessert" werden.