Von Steffen Honig

Die Corona-Krise hat  auch zu einem Ansturm auf die Apotheken geführt. Der ist bewältigt, die Knappheit bei vielen Medikamenten nicht. Die Gründe erläutert Dr. Jens-Andreas Münch, Präsident der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt.

 

Volksstimme: Apotheken sind systemrelevant. Gab es in der Corona-Krise im Land Ausfälle bei der Versorgung?

Jens-Andreas Münch: Nein, die knapp 600 Apotheken in Sachsen-Anhalt waren und sind geöffnet. Es gab keine Schließungen. Dies zeigt den hervorragenden Einsatz aller Mitarbeiter, wofür ihnen großer Dank gebührt.

Wie kommen Apotheken und Kunden mit der ungewohnten Situation zurecht?

Die Apotheken haben sich ganz schnell umgestellt und zusätzliche Schutzmaßnahmen ergriffen, wie die Bedienung hinter Glasschutz. Die Abstandsregeln wurden schon Anfang März eingeführt und ausgeschildert, noch bevor sie zur offiziellen Auflage wurden. Unsere Patienten haben es uns leicht gemacht und von sich aus auf Abstand geachtet.

Gab es auch Hamsterkäufe wie bei Lebensmitteln?

Zu Beginn der Corona-Krise hatten wir es mit Hamsterkäufen bei Paracetamol zu tun, wo es noch immer Schwierigkeiten mit dem Nachschub gibt. Wir mussten daher die Abgabe bedarfsgerecht begrenzen. Es gab zu Beginn der Krise einen Run auf Schmerz- und Fiebermittel. Unsere Patienten haben ihre Hausapotheke aufgefüllt. Der große Andrang war im März, im April hat sich das wieder etwas beruhigt.

Lieferengpässe sind für die Apotheken nicht Neues ...

Das stimmt. Wir hatten diese auch schon lange vor der Corona-Krise. Und ich fürchte, es könnte noch schlimmer werden. Weil wir nicht genau wissen, woher welche Stoffe kommen. Wenn die Vorräte zur Neige gehen, ist unklar, wie lange die Nachlieferungen dauern. Krankenhäuser klagen insbesondere darüber, dass Arzneimittel im Zusammenhang mit Beatmungsfragen fehlen, etwa Narkose- und Beruhigungsmittel. Und kurios: Momentan sind sogar Fieberthermometer vergriffen. Die Leute haben sich offensichtlich damit eingedeckt.

Was sind die Dauerbrenner bei den Mangel-Medikamenten?

Neben erwähntem Paracetamol gehören dazu zum Beispiel Ibuprofen in hoher Dosierung, bestimmte Schilddrüsen-, Magen- und Diabetespräparate, der Blutdrucksenker Cande- sartan und Pneumokokken-Impfstoff. Insgesamt sind es – etwas schwankend – um die 200 Präparate, die nicht immer verfügbar sind.

Auch Schutzmasken sind in Apotheken kaum zu haben. Warum?

Sie sind für uns zu vertretbaren Preisen praktisch nicht zu bekommen. Es ist durchaus angebracht, Masken zu benutzen. Nicht, um sich selbst zu schützen, sondern um die Tröpfchenausstreuung zu unterbinden. Dafür sind auch selbstgenähte Masken oder ein Schal geeignet. Die Schutzmasken, möglichst aus Baumwolle, müssen aber auch vernünftig gereinigt werden. Also nach jeder Benutzung bei 60 Grad waschen. Wo Menschen eng beieinander sind, in der Straßenbahn oder im Supermarkt, ist so eine Abschirmung sinnvoll. Aber man muss wissen: Diese Masken bieten keinen völligen Schutz.

Wie bewegen sich die Internet-Apotheken am Markt?

Versandhandel mag in Normalzeiten funktionieren, jetzt verlängern sich die Lieferzeiten. In der Krise zeigt sich, wie wichtig die Vor-Ort-Versorgung ist. Die Internet-Händler graben den Apotheken das Wasser ab. Wenn’s aber ernst wird, können sie die Probleme nicht lösen. Das zeigt sich u. a. bei den dringend benötigten Desinfektionsmitteln, die die Apotheken mit Hilfe regionaler Alkohol-Lieferanten, wie Abtshof Magdeburg, Loburger Brennerei und Verbio Zörbig selbst herstellen. Und unser Botendienst ist schneller als jede Online-Apotheke. Da- bei stehen unseren Patienten ein vertrauter Ansprechpartner und Fachpersonal aus ihrer Vor-Ort-Apotheke gegenüber.

Was ist für Sie bisher aus der weltweiten Bekämpfung dieser Pandemie zu lernen?

Der Blick auf die Medikamentenversorgung muss sich dringend ändern. Es kann nicht alles am Preis festgemacht werden. Durch die überzogene Sparpolitik der vergangenen Jahre hat sich die Arzneimittelproduktion in Asien konzentriert und ist auf wenige Fabriken begrenzt. So werden ausgerechnet in der Region um Wuhan, Zentrum des Corona-Ausbruchs, viele wichtige pharmazeutische Rohstoffe produziert. Wir brauchen wieder mehr Produktion in Europa, damit wir ein Stück weit unabhängig werden, auch von den Transportwegen über ganze Kontinente.

Und was ist in Deutschland wichtig?

Wir brauchen dringend die flächendeckende Vor-Ort-Versorgung der Apotheken, die auf Dauer unverzichtbar ihre Patienten versorgen. Gerade in dieser Krisenzeit zeigt sich ihre enorme Bedeutung. Für uns alle ist es gut, dass wir wieder ganz normale Hygieneregeln in Infektionszeiten lernen, die übrigens in jeder Erkältungswelle schützen. Noch ein Wort zur Preisbindung: Es gibt immer wieder Strategen, die die festen Arzneimittelpreise freigeben wollen. Dann werde alles billiger, weil der Markt es richten würde. Wie der Markt das macht, ist gerade bei den Schutzmasken zu sehen: Preissteigerungen bis zu 3000 Prozent sind keine Seltenheit in diesen Tagen. Die Festpreise sind nicht für die Apotheken da, sondern für die Patienten. Und das ist gut so.