Stuttgart/Freiburg (dpa) l Der Hauptverdächtige der mutmaßlichen Massenvergewaltigung in Freiburg war dem Innenministerium von Baden-Württemberg als gefährlich bekannt. Bei dem Mann handele es sich um einen Syrer, sagte Ressortchef Thomas Strobl (CDU) am Freitag in Stuttgart. Das könnte der Grund dafür gewesen sein, dass ein Sonderstab im Ministerium den Fall nicht mit Priorität behandelt habe. "Wir können derzeit syrische Straftäter nicht nach Syrien abschieben."

Strobl appellierte an den Bund, eine Lageeinschätzung von 2012 zu überarbeiten, um zu sehen, ob zumindest Straftäter an einen sicheren Ort in Syrien zurückgebracht werden könnten. "Dafür gibt der Freiburger Fall allen Anlass nachzudenken." Insgesamt stammten sieben Verdächtige aus Syrien, ein Verdächtiger ist Deutscher. Sie sitzen in Untersuchungshaft. Gegen den Hauptverdächtigen lag vor der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung bereits ein Haftbefehl vor, der aber zunächst nicht vollzogen wurde.

Strobl betonte, dass die Polizisten vor Ort selbst entschieden, wann sie Haftbefehle vollstreckten. Er habe bislang aber keinen Anlass zu der Annahme, dass die Entscheidung der Beamten in diesem Fall fehlerhaft gewesen sei. Der Minister kündigte eine Reihe von Maßnahmen an, um die Sicherheit in Freiburg zu erhöhen – etwa durch zusätzliche Polizisten, verstärkte Razzien an bestimmten Orten der Stadt sowie "Sicherheitskonferenzen".

In den Tagen vor dem Verbrechen sei eine Verhaftung des als Intensivtäters geltenden Mannes nicht möglich gewesen. Er war laut den Ermittlern untergetaucht. Die Polizei habe ihn nicht finden können. Haftbefehl sei am 10. Oktober erlassen worden. Am 23. Oktober, so Belle, wollten die Polizisten erneut anrücken und dann auch die Wohnung des Mannes durchsuchen.

Hauptverdächtiger ein Intensivtäter

"Dann haben uns die Ereignisse überrollt", sagte der Beamte mit Blick auf die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung, die sich in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober ereignete – also zehn Tage vor der geplanten Polizeiaktion. Nachdem sich das 18 Jahre alte Opfer am Morgen nach den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen bei der Polizei gemeldet habe, sei dann aber alles sehr schnell gegangen.

Acht Verdächtige wurden innerhalb von fünf Tagen festgenommen. Sie sitzen in Untersuchungshaft – sieben Syrer im Alter von 19 Jahren bis 29 Jahren und ein 25 Jahre alter Deutscher. Die meisten von ihnen sind laut Oberstaatsanwalt Michael Mächtel vorbestraft. Die Syrer wohnten in Flüchtlingsunterkünften in und um Freiburg.

Im Fokus steht der mutmaßliche Haupttäter, der vor wenigen Tagen 22 Jahre alt wurde und der als Flüchtling in Freiburg lebte. Er soll der Frau, die er nicht näher kannte, in der Disco etwas ins Getränk gemischt haben. "Sie war ein Zufallsopfer", sagte Chefermittler Belle. Sie sei wehrlos gewesen – auch weil sie zuvor Drogen, vermutlich Ecstasy, konsumiert habe. Sie sei mit dem Mann nach draußen gegangen. Nachdem dieser sich dort nach Mitternacht in einem Gebüsch an der Frau vergangen haben soll, sei er zurück in die Disco gegangen und habe andere Männern dazu animiert, die Frau ebenfalls zu vergewaltigen, so die Polizei.

Spuren am Opfer und dessen Kleidung werden noch untersucht. Zwei der acht Verhafteten seien DNA-Spuren zugeordnet worden, die anderen Verdächtigen seien unter anderem infolge von Zeugenaussagen ermittelt worden. Neben den acht Verhafteten soll es mindestens noch zwei weitere Täter geben – von ihnen wurden DNA-Spuren gefunden.

Die junge Frau, sagte Ermittler Belle, "wirkt für uns stabil". Sie werde von einer Opferschutzorganisation betreut. Am Morgen nach der Tat war sie gemeinsam mit einer Freundin zur Polizei gegangen und hatte Anzeige erstattet. Die Polizei gründete die Ermittlungsgruppe "Club".

Politische Dimensionen erreicht

Der Fall hat, vor allem wegen des zunächst nicht vollstreckten Haftbefehls, eine politische Dimension erreicht. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

In Freiburg wollen Polizei und Stadt mit mehr Polizisten das Sicherheitsgefühl der Bürger verbessern, wie Polizeipräsident Bernhard Rotzinger sagte. Rund zwei Jahre nach dem Sexualmord an einer Studentin, für den ein junger Flüchtling später vom Freiburger Landgericht verurteilt wurde, habe das Sicherheitsgefühl gelitten, sagte Rotzinger.