Herborn (dpa) | Helga Schilling ringt nach Fassung, sucht nach den richtigen Worten. Tränen kullern über ihre Wangen. Sie kann kaum fassen, welche blutige Szenen sich einige Stunden vorher am Bahnhof des beschaulichen 20 000-Einwohner-Städtchens Herborn im hessischen Lahn-Dill-Kreis abgespielt haben. "Ich bin wirklich mehr als erschüttert. Ich wollte nach Frankfurt zum Glockengeläut um 17 Uhr wie Heiligabend in jedem Jahr", erzählt sie. "Aber ich bin da nicht mehr fähig zu." Sie wolle nur noch nach Hause. "Es ist schrecklich. Wie kann sowas passieren?"

So wie ihr geht es vielen Menschen an diesem 24. Dezember in Herborn, als am Morgen ein 46 Jahre alter Polizist erstochen und ein 47-jähriger Kollege mit einem Messer schwer verletzt werden – von einem betrunkenen und wegen Gewaltdelikten unter Bewährung stehenden 27 Jahre alten Mann, der selbst aus dem Lahn-Dill-Kreis kommt. Er wollte sich nach Schilderung der Behörden in einem Regionalzug, der in Richtung Dillenburg unterwegs war, nicht von einem Schaffner kontrollieren lassen, wenig später geht er mit einem Messer auf die alarmierten Polizisten los, wird selbst von zwei Schüssen der Beamten schwer verletzt.

Einige Stunden nach der Bluttat ist wenig los an dem Bahnhof mit seinen drei Bahnsteigen. Ein paar Menschen warten an einer Bushaltestelle, rot-weißes Flatterband sperrt die Zugänge zum Bahnhof ab. Dort steht noch die Regionalbahn, Polizisten in Zivil sichern letzte Spuren.

Schnell hat sich die Messerattacke in dem Städtchen herumgesprochen. Per Kurznachrichtendienst oder SMS informieren sich viele Anwohner gegenseitig. In einer Gaststätte in der Nähe erzählt ein junger Mann, er habe von Freunden übers Handy davon erfahren. Wie ein Lauffeuer habe sich die schreckliche Nachricht in Herborn verbreitet.

"Wir sind alle geschockt, dass so etwas passiert ist", sagt Henryk Kuczynski, der seinen Enkel in Herborn vom Zug abholen wollte, um mit ihm Weihnachten zu feiern. Der Enkel muss schließlich mit dem Bus von Gießen nach Herborn fahren, der Bahnverkehr wird unterbrochen. Unfassbar nennt Kuczynski die Tat. "Und das an Heiligabend – nicht nachvollziehbar."

Der mutmaßliche Täter selbst hat sich nach Angaben von Staatsanwalt Dominik Mies bislang noch nicht geäußert, Haftbefehl wird erlassen. Der 27-Jährige werde seine Schussverletzungen überleben, sagt Mies. "Er wird jetzt in ein Haftkrankenhaus verlegt werden." Der andere Beamte schwebte zwischenzeitlich in Lebensgefahr, Staatsanwalt Mies spricht von "erheblichen Verletzungen". "Der Hauptstich beim verletzten Beamten ist in den Schulterbereich zugefügt worden."

Zum Familienstand des getöteten Polizisten äußert sich Mies nicht. "Wir möchten die Persönlichkeitsrechte des Verstorbenen und der Hinterbliebenen wahren und keine Angaben machen", sagt er. Es handele sich um ein "ganz gravierendes Tötungsdelikt". Aufgrund der Nichtigkeit einer Fahrscheinkontrolle sei ein Polizist getötet und ein weiterer schwer verletzt worden. "Hier ist eine Aggressivität an den Tag gelegt worden, die man selten antrifft."