Volksstimme: Mechelen galt ehedem als graue Maus unter Belgiens Städten. Wie war die Lage?

Bart Somers: Als ich 2001 das Amt übernahm, hatte Mechelen einen üblen Ruf. Die Stadt war polarisiert: Die Leute sprachen nur von der hohen Kriminalität, der schlechten Verwaltung und den Problemen mit den Migranten. Die Mittelklasse ging weg, eines von drei Geschäften war zu. Mechelen galt als schmutzigste Stadt von Flandern. Die Rechtsextremen von „Vlaams belang“ erhielten bei Wahlen fast ein Drittel der Stimmen. Dennoch wurde ich zum ersten liberalen Bürgermeister seit 100 Jahren gewählt.

Was war Ihr Ansatz?

Ich wollte das ändern, mit der Ambition, meine Stadt wieder aufzubauen. Ich habe mich dafür unorthodoxer Methoden bedient. Das begann mit einer scharfen Sicherheitspolitik: Mehr Polizei und null Toleranz. Gegen die Gesetzlosigkeit ließ ich Überwachungskameras installieren. Weil ich überzeugt war, dass es ohne Durchsetzung fester Regeln in einer Stadt bei so großer Vielfalt nicht geht. Gesetze und Regeln garantieren Freiheit und Respekt für jeden Bürger. Für mich ist das soziale Politik: Unter der Kriminalität haben vor allem die Leute in den ärmeren Vierteln zu leiden.

Wie kam das an?

Es wurde klar: Jeder hat die Aufgabe, die Stadt sicherer zu machen – als Eltern, Lehrer, Nachbar. Außerdem zeigten wir, dass sich dies nicht gegen bestimmte Bürger wegen ihres ethnischen Hintergrundes ist. Nicht Muslims oder Migranten waren gemeint, sondern Kriminelle.

Sie erhielten ziemlichen Gegenwind ...

Ja, das war anfangs schwer begreiflich zu machen. Politiker und Journalisten hielten mich für einen Rechtsaußen. Dabei profitieren Migranten und ihre Kinder am meisten davon. Wenn Rechtlosigkeit herrscht, werden die Leute wütend und wählen extrem. In einer häßlichen Stadt öffnet sich die Tür für Rechtspopulisten.

Sicherheit ist eine wichtige Säule. Allein damit aber wird eine Stadt nicht lebenswerter.

Wir haben das mit einer Politik der gleichberechtigten Teilhabe kombiniert. Wir haben die Straßen sauber gemacht, Parks und Freizeitmöglichkeiten geschaffen. Jedermann wird bei uns als Bürger betrachtet.

Für meine Familie ist Mechelen seit 15 Generationen Heimat, aber viele Leute sind erst seit einer Generation bei uns. Aber es ist auch ihre Stadt und sie haben die gleichen Rechte. Deshalb habe ich gegen die Abschottung gekämpft, dagegen, dass die Menschen miteinander und nicht nebeneinander leben. Da begannen die Probleme: Die haben einen schönen Park, wir nicht. Die haben eine gute Schule, wir nicht. Da kontrolliert die Polizei immer, da nicht. Ich habe versucht, Nachbarschaften, Schulen Sportklubs zu mischen.

So was gibt in anderen Städten auch, wo ist der Unterschied?

Politiker alter Schule, gleich welcher Richtung, sehen die Stadt fälschlicherweise als eine Stadt der verschiedenen Gruppen. Ich sehe die Stadt als Stadt der Bürger. Linke Politiker sagen, alle Migranten sind diskriminierte Opfer. Die Rechten erklären, alle Fremden sind kriminelle Nutzer des Sozialsystems. So werden nur Karikaturen gezeichnet. Es gibt immer Beispiele für Migranten, die auf ihrem Gebiet erfolgreich sind. Sie haben Unternehmen, studieren hart oder sind gute Eltern.

Welchen Stellenwert haben die Religionen in Mechelen?

Wir haben neben den Kirchen drei Moscheen. Das ist normal, in Belgien gilt Religionsfreiheit. Ich habe gute Beziehungen zur katholischen Kirche, zu Protestanten, Muslimen und Atheisten. Nach dem Anschlag auf den Brüsseler Airport 2016 ging ich zum Freitagsgebet mit 1500 Muslimen aus Mechelen in Angst. Ich sagte ihnen: Ihr seid zweifach Opfer. Einmal fürchtet ihr um euer Leben und zum Zweiten stigmatisieren die Terroristen eure Religion. Jetzt müsst ihr zeigen, dass ihr nicht seid wie sie. Das schafft Vertrauen. Mechelen ist die einzige belgische Stadt, aus der niemand nach Syrien ging, um für den IS zu kämpfen.