Berlin (dpa) l Nach einem größer angelegten Prognosemodell von Wissenschaftlern wird die CDU/CSU bei der Bundestagswahl stärkste Kraft – erreicht aber nicht die Werte, die aktuelle Umfragen nahelegen. Die am Mittwoch veröffentlichte Vorhersage prognostiziert der Union bei der Wahl im September 35,1 Prozent. Die SPD kommt laut dem strukturellen Prognosemodell der Forscher von der Berliner Hertie School of Governance auf 26,1 Prozent. Die Grünen sind in der Vorhersage mit 10,5 Prozent die drittstärkste Kraft. Die Linke erreicht 9,2 Prozent, die FDP zöge mit 8,7 Prozent der Stimmen wieder in den Bundestag ein.

„Wir sagen die Bundestagswahlergebnisse in den Ländern anhand von Landtagswahlergebnissen sowie politischen und ökonomischen Faktoren voraus und aggregieren schließlich die Daten“, erklärt Professor Mark Kayser vereinfacht die Berechnungen der Forscher. Er hat die Prognose mit seinem Kollegen Arndt Leininger erstellt, der inzwischen an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz tätig ist.

Nicht präzise prognostizieren konnten die Forscher den Stimmanteil der AfD, weil die Partei eine vergleichsweise kurze Historie hat und es nur wenige Wahlergebnisse für das Modell gibt. Sie berücksichtigen in dem Fall deshalb auch aktuelle Umfragen und gehen davon aus, dass die Partei bei der Bundestagswahl zwischen 7 und 9 Prozent erreichen wird. Umfragen spielen für das Modell ansonsten keine Rolle.

Trifft die Prognose zu, wäre eine Große Koalition von CDU/CSU und SPD oder ein Jamaika-Bündnis von Union, Grünen und FDP möglich. Schwarz-Gelb und Rot-Rot-Grün könnten den Angaben nach nicht mit einer parlamentarischen Mehrheit rechnen.

Das Modell der Wissenschaftler ist komplex. Es berücksichtigt Landtags- und Bundestagswahlergebnisse seit 1961. Faktoren wie die Regierungszeit der Parteien in den Ländern fließen ebenso ein wie wirtschaftliche Einflüsse, etwa das Wirtschaftswachstum.

In Umfragen erreicht die CDU/CSU aktuell um die 38 Prozent, die Sozialdemokraten um die 24 Prozent. Grüne, FDP, AfD und Linke kommen jeweils auf Anteile im Bereich zwischen 6,5 und 11 Prozent. Umfragen, die lange Zeit vor einer Wahl stattfinden, seien sehr ungenau, sagt Kayser. „Viele Wähler interessieren sich dann noch nicht für die Wahl.“ Auch unerwartete Ereignisse, etwa Terroranschläge, können das Wahlverhalten beeinflussen.

Deshalb sieht der Chef der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, solche Rechenmodelle mit Skepsis. Jung nennt sie „Prognose-Hokuspokus“, „Spielerei“ oder „wissenschaftlich verbrämte Glaskugel-Spiele“. „Wir haben ein grundsätzlich anderes Verständnis von Wahlforschung.“ Dass Umfragen Monate vorher ein anderes Bild als zur Wahl ergeben können, sei doch klar. Sie lieferten keine Prognose, sondern spiegelten das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Umfrage wider.

Neu sind solche Prognosemodelle nicht. Bei der Bundestagswahl 2002 etwa verblüfften die Wissenschaftler Thomas Gschwend und Helmut Norpoth mit einer Berechnung, die die rot-grüne Mehrheit einen Monat vor der Wahl genau voraussagte – entgegen den damaligen Umfragewerten. In die damalige Zeit fiel allerdings auch das Oder-Hochwasser – ein einschneidendes, letztlich wohl wahlbeeinflussendes Ereignis.