Volksstimme: Professor Demuth, als Sie in den Ethikrat gewählt wurden, war Corona bereits bestimmendes Thema. In diesen Tagen gibt es sicherlich reichlich zu tun?

Hans-Ulrich Demuth: Die Corona-Pandemie ist eine große Herausforderung. Normalerweise trifft man sich einmal im Monat im Plenum, im Zusammenhang mit der Corona-Krise stimmen wir uns häufiger ab. Wir werden durch staatliche Stellen und permanent durch die Medien angefragt und beschäftigen uns in Arbeitsgruppen mit verschiedenen Themen.

Hätten Sie ein Beispiel für uns?

Denken wir an die Pläne von Gesundheitsminister Jens Spahn für eine Immunitätsbescheinigung (einer Art Impfpass, in dem stehen sollte, ob jemand eine Corona-Infektion überstanden hat; Anm. d. Verf.). Gegen diese Pläne gab es Widerstand. Und auch der Ethikrat hat sich letztendlich in seiner Gesamtheit dagegen ausgesprochen. Was nicht bedeutet, dass der Entscheidung eine einheitliche Position zugrunde lag. Etwa eine Hälfte lehnte die Pläne rundweg ab. Die andere Hälfte meinte: Wenn es eine nachhaltige Immunität gibt, könnte man eine solche Bescheinigung einführen.

Wie kommt man am Ende auf einen Nenner?

Wir diskutieren über jede Formulierung. Die Mitglieder des Ethikrats sind Juristen, Staatsrechtler, Ethiker, Theologen, Mediziner, Naturwissenschaftler. Alle lassen ihre Erfahrungen und ihre Kompetenz einfließen. Es kommen sehr differenzielle Meinungsbilder zustande, die man dann abstimmt. Erst daraus erwächst eine ausgewogenen Stellungnahme, die dann der Öffentlichkeit und Politik präsentiert wird. In diesem Fall umfasste die allein mehr als 30 Seiten.

Die Impfzentren sind startklar. Nun geht es um die Verteilung des Impfstoffs. Auch an dieser Entscheidung war der Ethikrat maßgeblich beteiligt.

Ja. Zunächst einmal ist ja die staatliche Impfstoffkommission – kurz: STIKO – die juristisch maßgebliche Einrichtung. Hinzu kamen die Einschätzungen von Leopoldina und vom Ethikrat. Diese drei Gremien bildeten eine gemeinsame Arbeitsgruppe und stimmten sich ab. Daraus resultierte ein Konsenspapier, das dann diskutiert wurde. Am Ende steht die gemeinsame Empfehlung der drei Institutionen. Unter den älteren Menschen sollen zunächst jene geimpft werden, die über 80 Jahre alt sind und die, die durch ihre Krankheitsbilder besonders vulnerabel sind. Und das medizinische Pflegepersonal in Altenheimen und Kliniken.

Wer mit Priorität geimpft werden soll, ist beschlossen. Klar ist aber auch, dass die Impfdosen für die ersten Gruppen nicht reichen werden.

Für die erste Gruppe, die vulnerablen Personen und das Pflegepersonal, benötigen wir 12 bis 13 Millionen Impfdosen. Auf den Impfstoff von Biontech werden 2021 andere folgen. Aber derzeit reicht der Impfstoff noch nicht, das ist richtig. Wichtig ist: Wenn man die weiteren Glieder der Gesellschaft impfen will, braucht es eine gerechte Aufteilung.

Nach derzeitigem Stand wollen sich laut einer Umfrage nicht einmal 50 Prozent der Bundesbürger impfen lassen. Viele sind skeptisch, weil die Entwicklung des Impfstoffs so schnell ging. Können Sie die Vorbehalte verstehen?

Die Frage ist ja: Wie gehen wir mit Impfstoffen um, die potenzielle Nachwirkungen nach sich ziehen könnten? 1964 gab es die Deklaration von Helsinki, ausgelöst durch die Contergan-Affäre. Die nationalen Gesetzgeber richten sich heute danach. Eine Zulassung für Impfstoffe oder Medikamente gibt es nicht, ohne dass entsprechende Prüfverfahren durchgeführt wurden. Der Prozess der Impfstoffentwicklung beim Coronavirus konnte so rasch vonstatten gehen, weil man verschiedene klinische Phasen und auch bürokratische Schritte parallel ablaufen ließ. Das ist teuer, kann aber, wenn alles funktioniert, den Prozess der Zulassung beschleunigen. Problematisch sind in meinen Augen Notfallzulassungen.

Wie in den USA und Großbritannien geschehen?

Ja. Und da haben die Skeptiker natürlich recht. Was aus politischem Plakatismus Johnson oder Trump machen, ist unvernünftig. Nach dem Motto: Wir holen uns den Impfstoff und machen Druck auf die Behörden. Es birgt die Gefahr, dass bei langfristiger Anwendung Nebenwirkungen auftreten. Je höher die Probandenzahl bei den Studien, desto höher die Wahrscheinlichkeit, die Nebenwirkungen herauszufiltern. Deshalb sind Notfallzulassungen fragwürdig. Gerade deshalb ist es gut, dass die nationalen Behörden bei uns erst starten, wenn die Europäische Arzneimittelagentur EMA grünes Licht gibt.

Können Sie die Menschen verstehen, die sich nicht impfen lassen möchten?

Natürlich muss man abwägen, ob man sich impfen lassen möchte. Ich kann Ihnen sagen, wie passive und aktive Immunisierung funktioniert. Klar ist: Eine aktive Immunisierung kann man nicht mehr anhalten. Wer geimpft wird, dessen Immunsystem muss sich mit den Proteinen des Erregers befassen. Das läuft dann unter Umständen wie ein Perpetuum mobile weiter. Durch diesen Vorgang könnten Nebenwirkungen auftreten. Ob die neuen mRNA-Impfstoffe nebenwirkungsfrei sind, liegt bei den Behörden, derartige Risiken abzuschätzen. Bei der passiven Immunisierung – also der vorbeugenden Impfung – wird ein Eiweiß des Virus außerhalb des Körpers entwickelt und nach und nach gegeben, um dann Wirksamkeit gegen das Virus zu erreichen. Wenn die Zulassungsbehörden alle Daten geprüft haben und überzeugt sind, ist das meines Erachtens eine sicherere Methode.

Der Ethikrat hat sich auch mit der Triage zu beschäftigen. Heißt: Notaufnahme-Patienten müssen in kürzester Zeit nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung kategorisiert werden und anhand dieser Diagnose wird über die Behandlung entschieden. Steht uns das bald bevor?

Natürlich müssen wir uns mit der Frage beschäftigen: In welcher Situation kommt wer ins Intensivbett, wenn es zu einer Verknappung der Beatmungsgeräte kommen sollte? In NRW wurde ja bereits Alarm geschlagen, nur 15 Prozent freie Intensivbetten stünden zur Verfügung, hieß es kürzlich. Unser Vorteil ist: Es ist noch nicht dramatisch, weil uns Beatmungsbetten in ganz Deutschland zur Verfügung stehen. Für Ärzte ist das definitiv eine schwierige Situation. Und deshalb sind Juristen, Ethiker und Theologen im Ethikrat vertreten: Um medizinische und juristische Hintergründe mit moralischen abzugleichen – ich habe große Hochachtung vor den Kollegen.

Wie feiern Sie denn in diesem Jahr Weihnachten?

Im engsten Familienkreis, mit Kindern und Enkelkindern.