Pittsburgh (dpa) l Die Stars and Stripes auf dem Weißen Haus wehen auf Halbmast. Eine Woche vor den weichenstellenden Kongresswahlen in den USA befindet sich das wirtschaftsstärkste und politisch mächtigste Land der Welt nach zwei beispiellosen Gewaltausbrüchen in einer Schockstarre.

Das "Land of the Free", ist unter der Präsidentschaft von Donald Trump in eine schwere Krise gestürzt worden - ausgerechnet Tage bevor die US-Bürger am 6. November ihr Parlament neu ordnen und damit den politischen Weg für die nächsten Jahre vorzeichnen. Die Opposition glaubt, dass Donald Trumps Rhetorik nicht nur zur Spaltung, sondern auch zur Radikalisierung in Teilen der Gesellschaft beigetragen haben kann.

Die Welt hat mit Bestürzung auf ein antisemitisches Hassverbrechen mit elf Toten in den USA reagiert. Staatsmänner und -frauen aus vielen Ländern der Welt verurteilten die Tat eines 46 Jahre alten Amerikaners scharf. Er hatte am Samstag in einer Synagoge der US-Stadt Pittsburgh elf Menschen erschossen und sechs weitere verletzt. In der Synagoge hatten sich Menschen zu einer einer Namensgebungszeremonie versammelt. Die Polizei überwältigte den Täter und nahm ihn fest. Nach Angaben von US-Justizminister Jeff Sessions könnte ihm die Todesstrafe drohen. Die Bundesstaatsanwaltschaft erhob noch in der Nacht Anklage in insgesamt 29 Punkten gegen den Mann.

Antisemitismus entschlossen entgegenstellen

Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, UN-Generalsekretär António Guterres und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu verurteilten die Tat mit scharfen Worten. "Wir alle müssen uns dem Antisemitismus entschlossen entgegenstellen - überall", schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert im Auftrag der Kanzlerin auf Twitter. Netanjahu sagte in einer Videobotschaft: "Mein Herz ist gebrochen und ich bin angewidert von der mörderischen Attacke auf eine Synagoge in Pittsburgh", sagte Netanjahu in einem Video-Statement.

"Das gesamte israelische Volk trauert mit den Familien der Toten", betonte der israelische Regierungschef. In Pittsburgh und auch vor dem Weißen Haus in Washington kamen am Abend spontan Menschen zusammen und trauerten gemeinsam um die Opfer.

US-Präsident Donald Trump betonte: "Diese bösartige antisemitische Attacke ist ein Angriff gegen die Menschheit." Das "tödliche Gift des Antisemitismus" müsse bekämpft werden, sagte er. Er forderte schnellere Todesurteile für Mörder und deren rasche Vollstreckung. "Sie sollten wirklich den ultimativen Preis zahlen", sagte Trump am Samstag über Menschen, die Gläubige in Gotteshäusern erschießen. "Sie sollten nicht Jahre über Jahre darauf warten." Vizepräsident Mike Pence schloss sich der umstrittenen Auffassung an.

Sicherheitsvorkehrungen verschärfen

Das Attentat ereignete sich am jüdischen Feiertag Sabbat, an dem viele Menschen die Synagoge aufsuchen. Kinder wurden jedoch nach offiziellen Angaben nicht verletzt. Dennoch sagte der FBI-Agent Bob Jones: 2Es ist der schlimmste Tatort, den ich in 22 Jahren Berufserfahrung gesehen habe." Die Tat wird von den Behörden als Hassverbrechen eingestuft. Der Angreifer hatte mehrere Schusswaffen bei sich. Nach ersten Erkenntnissen besaß er sie legal.

Die "Tree-of-Life"-Synagoge in Pittsburgh gilt als ein konservatives jüdisches Gotteshaus, das jedoch offen für Neuerungen sei, wie der Präsident der jüdischen Gemeinde im Großraum Pittsburgh, Jeff Finkelstein, am Ort des Geschehens sagte. Auch in anderen Gegenden der USA wurden sofort die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen erhöht.

Der Jüdische Weltkongress (WJC) zeigte sich schockiert. Bei dem Vorfall handele es sich um einen "abscheulichen Terrorakt", sagte WJC-Präsident Ronald Lauder laut Mitteilung am Samstag in New York. "Das war ein Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinde, sondern auf ganz Amerika."

Das Attentat von Pittsburgh kommt nur wenige Tage nachdem ein Verdächtiger gefasst worden war, der die USA mit Rohrbomben an prominente Oppositionspolitiker in Atem gehalten hatte. Entsprechende Umschläge hatte der 56 Jahre alte Mann etwa an die Adresse des früheren Präsidenten Barack Obama und an die der früheren Außenministerin Hillary Clinton gesandt. 15 Zentimeter lange PVC-Rohre waren mit "energetischem Material" befüllt. Die Ermittler stuften zumindest einen Teil der insgesamt 14 abgefangenen Sendungen als gefährlich ein.

In den USA brach eine Diskussion über den politischen Umgang mit den Vorkommnissen los. Regierungssprecherin Sarah Sanders beschwerte sich am Sonntag auf Twitter, Medien wie die "Washington Post" würden nach jeder Möglichkeit suchen, Präsident Trump zu kritisieren. Trump hatte am Vorabend eine Wahlkampfveranstaltung in Illinois trotz der Vorkommnisse von Pittsburgh nicht abgesetzt. Der Präsident hatte erklärt, man spiele Fanatikern in die Karten, wenn man es ihnen erlaube, durch Gewaltakte die Planungen zu ändern.